Literatur in der Gesellschaft des Mittelalters

Zur Regierungszeit Friedrich Barbarossas (1152-1190) übernahm der Stand der Ritter, also jener berittenen, adeligen Berufskrieger, die von ihrem jeweiligen Herrn für ihre Gefolgschaft ein Lehen erhielten, die führende Rolle in Politik, Gesellschaft und Kultur. Mit der Machtentfaltung des staufischen Kaisertums fand die Idee eines universalen abendländischen Imperiums noch einmal weiteste Verbreitung. Zwischen den drei großen geistigen Strömungen der Zeit, dem Altertum, Germanentum und Christentum, vollzog sich ein Ausgleich, der im l2. und 13. Jahrhundert zuerst im westlich-romanischen und anschließend im deutschsprachigen Raum mit der ritterlich-höfischen Literatur zur ersten großen Blütezeit einer eigenständigen europäischen Literatur führte.Die Kreuzzüge ins Heilige Land machten die Ritter zu einem geweihten Stand, der als eine große internationale Gemeinschaft die Werte der abendländischen Kultur mit zunehmendem Selbstbewußtsein und Sendungsbewußtsein vertrat. Ein großer Teil des Ritterstandes bestand aus meist unfreien Lehensträgern, die etwa seit dem 11. Jahrhundert durch besondere Verdienste wie kriegerische Tüchtigkeit auf den Kreuzzügen in den niederen Adel aufgestiegen waren und sich zu einer staatstragenden Gesellschaftsschicht mit eigenem Lebens- und Kunststil entwickelt hatten. Dieser Standesschicht der sogenannten »Ministerialen« gehörte die Mehrzahl jener Dichter des hohen Mittelalters an, welche die Ideale des ritterlichen Lebens in ihrer Literatur erst gestalteten und bewußtmachten. Mittelpunkt ihres dichterischen Schaffens waren die Höfe des hohen Geburtsadels. Der dort von ihren fürstlichen Gönnern oder Auftraggebern gepflegte ritterliche Lebensstil wurde in ihrer Dichtung verklärt, also mit erzieherischer Absicht ins Vorbildliche erhöht. Daher wurde diese Dichtung schon von den Zeitgenossen im Französischen als »courtois« und danach in deutscher Sprache als »hövisch« bezeichnet.

Das französische Rittertum entwickelte alle wesentlichen literarischkünstlerischen Formen, die während der höfischen Zeit in ganz Europa tonangebend werden sollten. So entstanden das ritterliche Heldenepos und das hofische Epos als die beiden großen Formen ritterlicher Erzählweise. Daneben entfaltete sich, aus vielen unterschiedlichen Quellen gespeist, eine formenreiche Lyrik, insbesondere das lyrische Frauenlob, der Minnesang. In allen Gattungen finden wir die Vorliebe des Mittelalters für allegorische, das heißt sinnbildlich eingekleidete Darstellungsweisen wieder.

 

 

Das Heldenepos

 

Die in der Regel mündlich überlieferten Heldenlieder der Völkerwanderungszeit oder der ersten Großreichsgründung wurden nun für ein ritterliches Publikum gesammelt, bearbeitet und aufgeschrieben. Als ältestes und zugleich bedeutendstes Beispiel solcher »Chansons de geste« ( = Gesänge der Helden) ist das »Rolandslieck< um I100 in Nordfrankreich niedergeschrieben worden. Es verweist inhaltlich auf die Entstehungsepoche der französischen Nation und erzählt von der Schlacht bei Ronceval in den Pyrenäen, in der im Jahre 778 Karl der Große auf der Rückkehr vom Spanienfeldzug die Nachhut seines Heeres verlor. Der dabei in heldenhaftem Kampf untergehende bretonische Markgraf Hroudland (Roland) wird in Vorwegnahme des späteren Kreuzritters als ein Mann von ritterlicher Tugend und christlicher Frömmigkeit dargestelIt.

In Deutschland gab es gegenüber dem »Chanson de geste« eine vorwiegend von den Spielleuten getragene eigenständige Entwicklung, die aus den germanisch- heroischen Liedstoffen erwachsen war. So hat ein uns unbekannter Dichter um 1200 auf bayerischem Boden die viel gesungenen Lieder aus der Siegfried-Brunhild-Sage und das »Atlilied« über König Etzel und den Untergang der Burgunden zum »A'ibelungenlieckr verschmolzen und in die früheste uns schriftlich überlieferte Form gebracht. Schon von ritterlichem Glanz erfüllt, aber noch mit der dumpfen Erinnerung an den blutigen Untergang ganzer Völker während der Völkerwanderungszeit, gilt das »Nibelungenlied« als das bedeutendste Beispiel der Gattung des deutschen Heldenepos. Ihm folgten im 13. Jahrhundert weitere, künstlerisch nicht so vollendete Heldenepen über Dietrich von Bern (Theoderich der Große) und seine Recken Hildebrand, Wittich und andere, die, immer wieder umgedichtet, bis zur Zeit des Buchdrucks weiterlebten.

Das höfische Epos

Hatte der Held der »Chansons de geste« noch urzeitliche Züge wie im »Rolandslied«, so verwandelte er sich in dem daraus entstandenen hofischen Epos ganz in einen Ritter, dem seine Umwelt zum Schauplatz ritterlicher Tugenden wie Tapferkeit, Treue, Maßhaltenkönnen und spannender Abenteuer wurde. Als einer der ersten und bedeutendsten Dichter höfischer Versromane hat Chretien de Troyes (1130-1190) mit gewandter Erzählkunst und psychologischem Geschick antike Vorbilder und besonders Stoffe aus der ursprünglich keltischen Sage von König Artus und seinem Hot aufgegriffen und gemäß dem höfischen Ritterideal der Zeit umgeformt. So wurden zum Beispiel die rauhbeinigen Krieger und die Feen aus der alten Sage zu modischen französischen Rittern der Tafelrunde und vornehmen Damen. Da die Zeit der Heldenkämpfe vorbei war, zog man nun auf abenteuerlichen Reisen gegen Unholde, Riesen, Drachen oder auch nur andere Ritter zu Felde. Der märchenhafte König Artus war Mittelpunkt einer heiteren, Feste feiernden, ritterlichen Hofgesellschaft, die vom Glanz adeliger Damen überstrahlt und vom ritterlichen Streben nach Ruhm und Ehre geprägt war. Sie wurde wegen ihrer Freigebigkeit und Ritterlichkeit eine Zuflucht aller Bedrängten. Seine um die ritterlichen Ideale von Ehre und Liebe kreisenden Versromane »Erec et Enide«, »Lancelot«, »Yvain« und »Perceval de Gallois ou Le Conte du Graal« machten Chretien de Troyes zum vorbildlichsten Begründer des höfischen Epos und gleichzeitig einer ersten französischen Klassik.

Nach seinem französischen Vorbild entfaltete sich etwa zwischen 1180 und 1220 auch im deutschsprachigen Raum der höfische Roman. Hier waren es vornehmlich die drei großen Dichter Hartmann von Aue, Wolfram von Eschenbach und Gottfried von Straßburg, welche in ihrer mittelhochdeutschen Sprache eine Weiterentwicklung und Vertiefung des höfischen Epos bewirkten.

Mit den ersten beiden höfischen Epen in deutscher Sprache »Erek« und »Iwein« hat sich der schwäbisch-alemannische Ritter Hartmann von Aue (etwa 1170-12lO) noch sehr stark an die berühmten Vorbilder des Franzosen Chretien de Troyes angelehnt. Hartmann übernahm auch das in den ritterlichen Idealen begründete Problem, wie ein Ritter die aus seinem Waffenhandwerk entspringenden kämpferischen Tugenden einerseits mit den verfeinerten Tugenden adeliger Lebensweise andererseits vereinbaren konnte. So zeigte Hartmann am literarischen Beispiel der beiden Ritter von König Artus’ Tafelrunde, wie »Erek«, der sich ganz der Liebe und Verehrung einer Frau widmete, durch solchen Frauendienst zu unritterlicher behäbiger Tatenlosigkeit verleitet wurde, während »Iwein« andererseits Gefahr lief, seine angebetete Frau zu vernachlässigen, weil ihn sein übermäßiger Tatendrang zu immer neuen Kämpfen und Abenteuern führte. Die ritterliche Tugend des zuchtvollen Ausgleichs zwischen den Extremen, die »maze« (Maßhaltenkönnen), wurde also damit von Hartmann in ihrer großen Bedeutung hervorgehoben.

Mit seinen ritterlichen Legenden »Gregorius auf dem Stein« und »Der arme Heinrich« entfernte sich Hartmann von der Artusepik und ging zur zentralen Frage des Mittelalters über, wie der ritterliche Mensch Gott und der Welt gleichzeitig dienen und gerecht werden konnte. Von der Weltverzweiflung im »Gregorius« führte der Weg im Epos »Der arme Heinrich« zu einem Ausgleich. Damit führten Hartmanns Werke formal und besonders inhaltlich zum Höhepunkt höfischer Klassik, weil sie die ritterlichhöfische Moral in das allgemein Menschliche erhoben haben. Ritterliche »ere« erhielt somit nur allgemeine Gültigkeit, wenn sie sich in »triuwe« (Treue), Demut und Gehorsam einem höheren göttlichen Willen beugte.

Was Hartmann von Aue damit am Ende seines dichterischen Schaffens nur anklingen ließ, das wurde bei Wolfram von Eschenbach (um 1170-1220) zu einem zentralen Motiv seines Gesamtwerkes. Nach dem Vorbild des »Perceval« von Chretien de Troyes schuf er mit seiner Neufassung »Parzival (um 1200-l210)« ein umfassendes Gemälde mittelalterlichen Geistes und Gesellschaftslebens von rund 25000 Versen, in dem die Entfaltung eines Menschen zu seiner vorbestimmten Form vorbildliches Rittertum unter religiöse Weihen stellte. In der symbolischen Form des Gralskönigtums verwirklichte Parzival die Forderung seiner Zeit nach der begnadeten Vereinigung von Gottesdienst und ritterlichem Weltdienst und nahm damit eine Verschmelzung von Christentum und Rittertum vor.

Der dritte bedeutende Gestalter des höfischen Romans während der literarischen Blütezeit der sogenannten »staufischen Klassik« war Gottfried von Straßburg (1170-1220), ein Dichter von wahrscheinlich bürgerlicher Herkunft, der nach dem anglonormannischen Vorbild des Thomas von Bretagne um l210 sein Epos »Tristan und Isolde« in rund 20000 Versen niederschrieb. Im Mittelpunkt seines Versromans stand nicht mehr Welt- und Gottesdienst, sondern der Minnedienst. »Minne« war für Gottfried einerseits eine jede Ordnung zerstörende Leidenschaft, andererseits aber auch eine Liebe, die durch Leid zu mystischreligiöser Vertiefung führen konnte. Bei Gottfried deutete sich bereits das Auseinanderfallen des ritterlichen Wertesystems am Ende der stau-ischen Klassik an. Das höfische Epos wandelte sich unter dem Einfluß einer sich ausbreitenden bürgerlichen Weltsicht bis zur bitteren Satire im »Meier Helmbrecht« von Wernher dem Gartenaere(um 1280). In dieser spätmittelalterlichen Versnovelle aus einer Zeit des sozialen Umbruchs erzählt der Mönch »Wernher der Gärtnaere« ein warnendes Beispiel von einem jungen Bauernsohn, der seinen Stand verlassen und Ritter werden wollte, schließlich aber als Räuber am nächsten Baum aufgehängt wird.

Minnesänger

Die eigentümliche Hauptform höfischer Lyrik des Hochmittelalters war der »Minnesang«. Bei dieser für die Literatur des Abendlandes bis auf den heutigen Tag seltsamen und einzigartigen Erscheinung handelte es sich um eine hochstilisierte Kunstform ritterlichadeliger Selbstdarstellung. Der Minnesang war also nicht so sehr erlebnishafte, individuelle Liebesdichtung, sondern eine vom ritterlichen Lebens- und Weltgefühl getragene Gesellschaftslyrik, die der Unterhaltung einer anspruchsvollen, höfisch gebildeten Gesellschaft diente.

Die ritterlichen Minnesänger kamen aus allen Kreisen des hohen, mittleren und niederen Adels. Sie waren in ihrer Jugend unter dem Einfluß einer religiösen Dichtung und kirchlichen Erziehung groß geworden, die den Menschen vor die Entscheidung zwischen einer zur Verdammnis verurteilten eitlen Welt und Gott stellte. Danach fiel grundsätzlich alles, was den Wert des Rittertums ausmachte, wie das Streben nach Besitz, Ehre, Ruhm sowie alle seine auf das Irdische gerichteten kriegerischen Tugenden unter eine solche Verdammnis. Nachdem sich nun in Europa seit der Bekehrung zum Christentum zum ersten Male ein weltlicher Stand als vorbildliche Elite empfand, wollten seine Dichter nicht nur bei einer Verherrlichung seiner kriegerischen Leistungen verharren, sondern von ihrer Warte aus ein eigenständiges, diesseitiges Menschenbild entwikkeln. Dementsprechend erschlossen sich im höfischen Epos für die Ritter von König Artus’ Tafelrunde in einer liebenden, diesseitsbestimmten Beziehung zu einer verehrten Frau neue, dem vom kämpferischen Tatendrang beseelten Rittertum ursprünglich nicht zugehörige Bereiche. So wurde also der »Frauendienst« zu einem veredelnden erzieherischen Lebensinhalt für den auf Kampf, Jagd und Weltgenuß eingestellten ritterlichen Mann. Demgemäß kleideten die Minnesänger ihre Liebe zu einer Frau in die gesellschaftliche Form des Lehensdienstes für eine gebietende Herrin und machten damit aus einem geheimen Herzenserlebnis ein gesellschaftliches Anliegen. Der ritterliche Minnesänger hatte also die Aufgabe, als Gefolgsmann seiner Herrin, die immer verheiratet und meist tatsächlich höher gestellt war, alle Liebe und Verehrung in kunstvoll gebauten Liedern darzubringen, Hoffnung auf Erfüllung auszudrücken mit dem Bewußtsein, sie niemals zu finden – ihre Schönheit und Tugend zu preisen oder ihre Härte und Unnachgiebigkeit zu beklagen. Dabei wurde die Frau in den Minneliedern nicht so sehr als individuelle Persönlichkeit angesehen, sondern als irdisches Abbild alles Schönen und Guten. Wer sie als Ritter ehrte, beschützte, um ihre Gunst warb und sang, konnte »maze« (Maßhalten), »zuht« (Anstand und Selbstbeherrschung) und »triuwe« (Treue) unter Beweis stellen. Damit adelte und erhöhte er sich selbst. Neben dieser prinzipiell unerfüllbaren »hohen Minne« kannte der Minnesang besonders am Anfang und am Ende seiner Entwicklung auch die auf körperliche Vereinigung, Hingabe und sinnliches Glück ausgerichtete »niedere Minne«.

Die Quellen des Minnesangs reichten weit zurück bis in das von Arabern besetzte Spanien. Sie führten aber auch hier zur kirchlichen Marienlyrik und den von geistlichen Dichtern für fürstliche Frauen in lateinischer Sprache geschriebenen Huldigungsgedichten. Um 1100 tauchten die ersten Minnelieder im Süden Frankreichs auf. In der französischen Provence bezeichneten sich die ersten Minnesänger als »Troubadours« (»Erfinder von Liedern und Melodien«, von trobar = trouver: finden, erfinden). Unter ihnen fanden sich so bedeutende Namen wie: Guillaume IX d’Aquitaine (1071-1127), Comte Raimund d'Orange(gest. 1195) oder Bertran de Born (1140- l215). Die südfranzösischen Minnelieder fanden zunächst in den nordfranzösischen »Trouveres« eifrige Nachahmer, bevor sie über den Rhein nach Deutschland gelangten.

Am Anfang des deutschsprachigen Minnesangs stand eine von dienender Verehrung noch recht unbeschwerte Liebeslyrik aus dem Donauraum (um 1l50/70 »Der von Kürenberg«), die mit ihrem Werben auf Erfüllung drang und nicht eine verheiratete Frau, sondern ein Mägdelein in den Mittelpunkt von Liebesmonolog, Liebesbotschaft oder Dialog der Liebenden

stellte. Daß sich der Minnesang größter Beliebtheit erfreute, beweist unter anderem eine in späterer Zeit zu Beginn des 14. Jahrhunderts auf Betreiben des Zürcher Ratsherrn Rüdiger Manesse zusammengestellte handschriftliche Liedersammlung. Die »Manesse-Handschrifi« oder sogenannte »Große Heidelberger Liederhandschrift« enthält Lieder von 140 Minnesängern und ist mit fast ebenso vielen Dichterporträts geschmückt. Zu den bedeutendsten deutschen Minnesängern gehörte der Freund Friedrich Barbarossas »Friedrich von Hausen« an der Nahe (gest. 1190). Am Hofe des Landgrafen von Meißen pries um 1217 »Heinrich von Morungen« voll Schönheitssinn die »Hohe Minne«. Auch Kaiser Heinrich Vl., der mächtigste Mann seiner Zeit, dichtete Minnelieder, in denen der Gegensatz von Weltgefühl und Demut zum Ausdruck kam. Lieder voller Schwermut und grübelnder Gedanken verfaßte der aus dem Elsaß stammende »Reinmar der Alte von Hagenau« in der Zeit von etwa 1160 bis l210 am Hof der Babenberger in Wien. Hatte »Reinmar der Alte« sich ganz und gar dem Willen und Stolz einer edlen Frau unterworfen (»stirbet si, sd bin ich tdt«) und darüber geklagt, daß er im Dienste der geliebten Frau graue Haare bekommen habe, so spottete sein ehemaliger Schüler und späterer Gegner » U’alther von der Vogelweide«, daß auch sie älter werde und man sich ja rächen könne. Er ging noch weiter und stellte fest, daß sie nur im Lied ihre Verklärung erführe und ohne den Dichter keine Bedeutung haben würde: »Sterbe ich, so ist sie tot«. Daher trat in den Liedern Walthers, nachdem er zunächst den Minnesang zur höchsten Vollendung geführt hatte, immer stärker das unbeschwerte sinnenhafte Glück der »niederen Minne« in den Vordergrund. Er besang in seinen »Mädchenliedern« das unverheiratete Fräulein mit rotem Mund (»herzeliebe vrouweltn«) und wollte schließlich die vergebliche Werbung um die Herrin bei der »Hohen Minne« ganz aus der Lyrik verbannt wissen. Neben der Minnelyrik nahm bereits die politische Lyrik in Walthers Schaffen einen großen Raum ein.

Der österreichische Ministeriale »Walther von der Vogelweide« war von der gedanklichen Fülle, dem Formenreichtum und dem Umfang seines Werkes her der größte Dichter jener Zeit. Walther hat etwa im Zeitraum von 1170 bis 1230 gelebt und die meiste Zeit als fahrender Dichter ein unruhiges und mühseliges Wanderleben geführt. Er diente und dichtete ab 1198 für Philipp von Schwaben, um 1212/l3 für Otto IV. und etwa seit 1215 für Friedrich II. Walther hat die Höhen und Tiefen des höfischen Zeitalters erlebt und brachte in seinem Alterswerk den Verfall der höfischen Sitten, den Untergang des Reiches und die damit verbundene deprimierte Stimmung des Niedergangs in ergreifender Weise zum Ausdruck

Volksliteratur, Volksbücher

Die Blüte höfischer Dichtung verwelkte rasch mit dem schnellen Niedergang der ritterlich-adeligen Gesellschaftsschicht, aus der sie entsprossen war. Wie »Walther von der Vogelweide« im Gedicht die nach höfischer Lehre schöne und zugleich gute Welt in krasse Kontraste und grelle Widersprüche zerfallen sah, so gestaltete sie der Dichter »Konrad von Würzburg« (gestorben 1287) allegorisch (sinnbildhaft) als Frau Welt mit einer strahlenden, verführerischen Vorderseite und einem von ekelerregenden Schlangen und Würmern zerfressenen Rücken. Dieses Bild paßt vorzüglich in das ausgehende Mittelalter, in eine Zeit des Umbruchs also, die von politischen, wirtschaftlichen, religiösen und sozialen Kämpfen erfüllt war, welche von Seuchen und Naturkatastrophen begleitet wurden. Allerdings durchdrangen sich Niedergang und Neubeginn in vielfältiger Weise. Denn gerade als die geistige Einheit des kulturellen Lebens mit dem Zusammenbruch des staufischen Imperiums und dem Niedergang des Papsttums zu Ende ging, entwikkelte der Dominikaner »Thomas von Aquin« (1225-1274) sein theologisches Lehrgebäude einer harmonisch geordneten Welt. »Franz von Assisi« predigte die Nachfolge Christi im Geiste der Armut und Demut. Dominikanische Mystiker wie »Meister Eckhart« (um 1260-1327) suchten die geistige Vereinigung der Seele mit Gott. Mit der aufkommenden Geldwirtschaft verloren Lehnswesen und Großgrundbesitz an Bedeutung, der Ritterstand verarmte. Dagegen blühte der Handel in den Städten auf (Hanse), und die Ostkolonisation erschloß der wachsenden Bevölkerung Mitteleuropas neue Räume. Auch in der Literatur erweiterte sich die Welt: Das zu wirtschaftlichem Aufschwung gelangte Bürgertum wurde selbstbewußter, die Bauern forderten mehr Rechte, und die Geistlichen verdrängten die Ritter wieder aus ihrer kulturtragenden Rolle. In der Lyrik traten an die Stelle idealistischer adeliger Minnesänger bürgerliche Dichter mit nüchternem Wirklichkeitssinn, die in ihrer Dichtung etwas Erlernbares, Handwerksmäßiges sahen. So achtete in Deutschland die Schule der Meistersinger besonders auf die nach handwerklichen Regeln festgelegte Silbenzahl und den Versbau. In Frankreich nannten sich Dichter dieser Art »Rhetoriquers« (in der Rhetorik, Redelehre geschulte Männer). Eustache Deschamps(1346-1407) und ChristinedePisan (1363-1430) waren die brühmtesten Vertreter dieser kunsthandwerklichen Gilde. Der Vagant Frangois Villon (1431-1463?) war zwar der Form seiner Lyrik nach seinen Vorgängern und Zeitgenossen verpflichtet, der künstlerischen Absicht und dem Gehalt nach jedoch ein Außenseiter, der insbesondere die alte französische Tanzliedform (»balata«) mit seinen gegensätzlichen Ausbrüchen von Sinnlichkeit und visionärer Frömmigkeit in einer zum

Teil der Verbrecherwelt von Paris entnommenen Gaunersprache füllte. Neben dem Meistersang fand das Volkslied mit seinen einfachen, wiederkehrenden Bildern, seiner schlichten Sprache und den einfachen Reimen weiteste Verbreitung. Daneben erfüllte sich das geistliche Lied im Zeichen von Kirchenkämpfen mit neuer Kraft.

Bei aller Vielfalt an Stilen, Gattungen und Stoffen der Literatur des späten Mittelalters zeichnete sich jedoch die steigende Beliebtheit und Ausbreitung der Prosa als eine allgemeine Tendenz ab.

Dem bürgerlichen Wirklichkeitssinn kam eine sich ausbreitende satirische und lehrhafte Dichtung entgegen. Kleine Verserzählungen, Novellen und Schwänke, die damals in Frankreich »Lai« und »Fabliau« und in Deutschland »maere«, »rede«, »bfspel« hießen, fanden bei einem zunehmenden bürgerlichen Publikum großen Anklang. Besonders die Tierfabel von »Reinhart Fuchs«, in der menschliche Schwächen in der im Mittelalter beliebten Form der Allegorie (= der bildhaften Einkleidung und Bezugsetzung) dargestellt wurden, fand im 12. Jahrhundert von Frankreich aus weiteste Verbreitung. In der Literatur tauchte mit belehrender Absicht die Satire und das Narrentum immer häufiger auf: von der Satire »Meier Helmbrecht«, in der es ein Bauer den Rittern gleichtun wollte, bis zum »Narrenschiff« (1494) von Sebastian Brant (1458-1521), in dem allen Ständen der Spiegel der Satire vor Augen gehalten wird. Das bildungshungrige Laienpublikum jener Zeit zeigte aber auch ein zunehmendes Interesse an Sachliteratur. So entstand eine volkssprachige Geschichtsschreibung, eine Anzahl von Chroniken und Rechtsbüchern wie Eike von Repgows »Sachsenspiegel« (um 1230).

Um den Lesehunger eines breiter werdenden Publikums zu stillen, wurden besonders häufig ritterliche Versepen in Prosaromane umgeschrieben und volkstümlicher gestaltet. So entstand als Lieblingslektüre der Zeit das Volksbuch. Ursprünglich noch für eine adelige und bürgerliche Oberschicht bestimmt, sank mit seiner zunehmenden Verbreitung bei einfacheren Leserschichten auch sein Niveau im Hinblick auf Ausstattung und Inhalt. Auf billigem Papier gedruckt und in einfachster Weise gebunden, fanden die häufig in Jahrmarktsbuden zum Verkauf angebotenen Volksbücher reißenden Absatz. Die Stoffe der Volksbücher stammten aus allen möglichen überlieferten Quellen. Heldensagen und höfische Epen wie »Tristan und Isolde« (1484 nach Eilhart von Oberge) waren als Vorlage ebenso beliebt wie lateinische Heiligenlegenden oder antike Überlieferung, zum Beispiel in Hans Mair von Nördlingens »Buch von Troia« (1392). Zu ihren Quellen gehörten französische Märchen und Legenden wie: »Die schöne Magelone«, »Die schöne Melusine«, »Die Haimonskinder«, »Die heilige Genoveva«

oder Novellensammlungen wie Boccaccios »Decamerone« (1353) aus Italien. Eine geistige und dichterische Sonderstellung nimmt Dantes Epos »Göttliche Komödie« ein. Die Verbreitung der am Ende des Mittelalters entstandenen Volksbücher nahm zu Beginn der Neuzeit weiter zu. So entstanden die drei berühmtesten deutschen Volksbücher »Till Eulenspiegel« (1515), das »Lalenbuch« über die Schildbürger (1597) und die »Historia von D. Johann Fausten« (1587) erst zur Zeit von Humanismus und Reformation.

Erste Seite