Ebenso wie
das hd. Gebiet hat sich auch das nd. stark vergrößert. Im Nordwesten wird allmählich das Friesische verdrängt,
und durch die Ostkolonisation entstehen die ostniederdeutschen Mundarten. Im
14. und 15. Jh. ist das Mnd. Geschäfts-
und Schriftsprache im ganzen Hansegebiet - von Bergen in
Norwegen bis Livland - auch in Städten,
wo sonst nicht Nd. gesprochen wird. Sogar aus Nowgorod und London gibt es mnd. Urkunden.
An den nd. Höfen
ist die mhd. Sprache Mode, und die niederdeutschen höfischritterlichen Dichter schreiben deshalb meist
ihre Werke in einem - nicht immer guten - Mhd. Die Bevölkerung hält aber am Nd. fest, und um eine
effektive Verwaltung - bes. in den neuen Territorien - aufbauen zu können, sind die Fürsten
darauf angewiesen, sich auf nd. zu verständigen. Die Kanzleien der heranwachsenden Städte gehen auch seit Anfang des 13. Jh. zum Nd. über, um die geschäftlichen
und politischen Beziehungen der Bürger zur Obrigkeit zu erleichtern.
Die nd. Prosa hat sich früher
als die hd. entwickelt. Das erste bedeutende historische Werk in deutscher
Sprache ist die Sächsische Weltchronik (13. Jh.). Eike
von Repgow in Ostfalen wird durch seinen Sachsenspiegel (um 1224; Spiegel bedeutet hier 'Regelbuch') auch
als Begründer der juristischen Prosa angesehen.
Der Sachsenspiegel wurde nicht nur auf nd. Gebiet
benutzt: In Thüringen und im Kurfürstentum
Sachsen (ostmitteldeutsch) galt er trotz der schwerverständlichen
Sprache bis ins 19. Jh. als Gemeines
('allgemeines') Sachsenrecht.
Nachdem die Stadt Lübeck 1143 auf
wendischem Gebiet gegründet worden war, entstand
dort aus den verschiedenen deutschen Mundarten der Neubürger
eine koloniale Ausgleichsprache. Lübeck wurde
das Oberhaupt der im 13. Jh. gegründeten Hanse,
und in der Mitte des 14. Jh., hat sich die lübische Ausgleichsprache durch die Autorität der Hanse als Verkehrssprache im ganzen
norddeutschen Raum durchgesetzt. Eine wichtige Rolle spielte dabei das Lübecker Stadtrecht, das im 13. Jh. aus dem Lat. ins Nd. übersetzt
wurde.
Deutschsprachige
Hansestädte waren zu dieser Zeit u.a. Visby (das auch ein mnd.
Stadtrecht hatte) und die baltischen Städte
Riga, Reval und Dorpat. In vielen anderen Städten in den Niederlanden, in Skandinavien und
England hatte die Hanse Niederlassungen, sog. Kontore. Überall galt hier die mnd. Schriftsprache.
Nach Erfindung des Buchdrucks wurden in Lübeck
viele nd. Bücher gedruckt ,
sowohl belehrende als auch unterhaltende Literatur .Besonders bekannt sind die Lübecker Bibel (1494) und Reynke de Vos (Reineke der Fuchs, 1498), eine
Satire auf die damalige Gesellschaft.
Sprachliche
Ausstrahlung des Mittelniederdeutschen. Weder früher noch später
hat das Deutsche andere Sprachen so stark beeinflußt
wie das Mnd. die nordischen Sprachen. Manche
Nordisten sind der Ansicht, daß fast die Hälfte
des gesamten schwed. Wortschatzes in der einen oder
anderen Hinsicht niederdeutscher Herkunft sei.
Der nd. Einfluß entstand durch
die wirtschaftlichen Beziehungen zur Hanse, die vielen deutschen Einwanderer
(Anfang des 14. Jh. waren die deutschen Stadträte in Stockholm in der
Mehrzahl) und Übersetzungen niederdeutscher
Literatur.
Der nd. Einfluß
auf das Hd. ist dagegen nicht sehr groß
gewesen. Einige Wörter sind aus der mnd. Rechtssprache übernommen
(echt, Geruch andere aus der
Kaufmannssprache (Fracht, Gilde, Stapel)
und der Seemannssprache (Ebbe, Hafen,
schleppen, Teer).
In
einzelnen Fällen haben die nd. Wörter bei der Aufnahme ins Hd. auch eine hd. Lautform
angenommen: hopen > hoffen.