Inhalt
INHALT
ALLGEMEINES UND LITERATUR
A. THEMEN DER LEHRVERANSTALTUNG
B. BIBLIOGRAPHIE
C. FREMDWÖRTERBÜCHER
1. Allgemeine FWB
2. Wörterbücher zu Neologismen
EINLEITUNG
A. FREMDWÖRTER EINER WERBEAUSSENDUNG - FREMDWÖRTER IM ALLTAG
B. GLOBALISIERUNG DER SPRACHE VS. SPRACHPURISMUS
I. BEGRIFFLICHES
A. DIACHRONE, ETYMOLOGISCHE TYPOLOGIE NACH WERNER BETZ
B. SYNCHRONE EINTEILUNG NACH PETER V. POLENZ: FREMDWORT UND LEHNWORT SPRACHWISSENSCHAFTLICH BETRACHTET
II. LAUF DURCH DIE GESCHICHTE DES FREMDWORTS
A. EXKURS: STADIEN DER DEUTSCHEN SPRACHE
1. Einteilung der Entwicklung des Deutschen
2. Das Indogermanische
B. WIEN UND DER WEIN ODER: DAS "ÄLTESTE" FREMDWORT
C. SUBSTRATE UND ADSTRATE
1. Was ist ein Substrat?
2. Exkurs: Substratforschung
3. Entlehnungen aus dem Keltischen - Adstrate
D. LATEINISCHE EINFLÜSSE - ERSTE UND ZWEITE LATEINISCHE WELLE
1. Die "Erste lateinische Welle" (ca. 50 v. Chr. - 500 n. Chr.)
2. Die "Zweite lateinische Welle (ca. 500 - 800 n. Chr.)
E. FRANZÖSISCHE EINFLÜSSE WÄHREND DER HÖFISCHEN ZEIT (1150 - 1250)
F. FRÜHBÜRGERLICHE ZEIT
G. HUMANISMUS - "DRITTE LATEINISCHE WELLE"
1. Latein (und Griechisch)
2. Französisch (und Italienisch)
H. WEITERE ENTLEHNUNGEN IM 15., 16. UND 17. JH.
I. ABSOLUTISMUS, BILDUNGSBÜRGERLICHE SPRACHKULTIVIERUNG (17., 18. JH.)
1. Funktionale Felder der französischen Lehnwörter
2. Bedeutungsveränderungen bei der Entlehnung
3. Aussprache - Grad der Integration von Fremdwörtern, Betonungsverhältnisse
4. Sprachpuristische Haltung zu den frz. Einflüssen
5. Exkurs: Integration von Fremdwörtern
J. ENTLEHNUNGEN AUS DEM ENGLISCHEN
III. SPRACHPURISMUS
A. BEWEGUNGEN ZUR SPRACHE HISTORISCH BETRACHTET
1. 17. Jahrhundert
2. Johann Heinrich Campe, sein Verdeutschungswörterbuch und warum bestimmte Verdeutschungen nicht angenommen wurden (nach Daniels)
B. SPRACHPURISMUS HEUTE - GEGENWART UND ZUKUNFT
1. Einige Beispiele aus Vorschlägen der Zs. Muttersprache
2. Wörterbuch überflüssiger Anglizismen von Pogarell/Schröder
C. SPRACHPURISMUS IM 19. JAHRHUNDERT
D. ALLGEMEINER DEUTSCHER SPRACHVEREIN
IV. DIE GEGENWÄRTIGE SITUATION
V. FREMDWÖRTER IN FACH- UND SONDERSPRACHEN
A. LITERATUR
B. PROBLEMSTELLUNG
C. NETZSPRACHE - "E-MAILEN" UND "CHATTEN"
D. COMPUTERJARGON UND EINDEUTSCHUNGSVERSUCHE DAZU
E. IN WELCHEN BEREICHEN KÖNNEN WIRKLICHE PROBLEME AUFTRETEN?
F. ANGLIZISMEN IN MODE UND WERBUNG
VI. ANGLIZISMEN IN ZEITSCHRIFTENWERBUNG UND ZEITUNG
VII. FREMDWÖRTER IN DER LITERATUR
A. "DESIGNERMINERALWASSER"
B. FREMDWÖRTER IM WERK Schillers
VIII. FREMDWÖRTER ALS NEOLOGISMEN
A. "EVENT"
1. Vorkommen des Wortes, verschiedene Kontexte und Bedeutungen
2. Warum Event?
B. "BODY"
#1, Mi., 08.03.2000, Hörsaal 30 des Instituts für Germanistik
Allgemeines und Literatur
A. Themen der Lehrveranstaltung
• Problematik heute
• Begriffliches/Fachtermini etc. und Fachliteratur
• Geschichte des Fremdwortes, bes. ab mhd.
• Fremdwörter im 20. Jhdt.
• Neologismen - neueste Fremdwörter
• Fremdwörter in Fachsprachen. bes. Computer-Sprache, Jugendjargon, Jargonisierung.
• Fremdwörter in der Dichtung
B. Bibliographie
Eine umfassende Bibliographie ist im Internet (Homepage Richard Schrodt) zu finden sein. Für den Sprachpuristischen Standpunkt empfielt Schrodt die Homepage des Vereins zur Wahrung der deutschen Sprache: http://www.vwds.de/index.html. Dieser Verein betreibt keine abstrakte Fremdwort-Hatz, sondern setzt sich argumentativ und vernünftig auf seiner 'Leitseite'(!) mit der Problematik Fremdwort auseinander.
Im Rahmen einer Tagung hat Hr. Schrodt eine große Anzahl von Artikeln, Web-Adressen usf. erhalten. Das Material liegt in der Fachbibliothek auf. Behandelt werden viele aktuelle Themen im Bereicht des Fremdworts. Weitere Literatur: Klaus Heller: Das Fremdwort in der deutschen Sprache der Gegenwart. Untersuchungen im Bereich der Gebrauchssprache. - Leipzig: VEB Bibliographisches Institut 1966.
C. Fremdwörterbücher
Schrodt unterscheidet in konventionelle, erschwingbare FWB und wissenschaftliche, mehrbändige und ausführliche, demnach teure Varianten. Letztere bespricht er nun kurz. Er verlangt, dass man sich in der Bibliothek selbst einen Überblick zu den verschiedenen FWBn verschafft.
Eine Bemerkung am Rande: In anderen Sprachen gibt es zumeist keine eigenen Fremdwörterbücher. Nur die deutsche Sprache bzw. Wörterbücher der dt.en Sprache evozieren diese Merkwürdigkeit. Der neue zehnbändige Duden versucht, die Fremdwörter im Rahmen des 'normalen' dt.en Wörterbuchs zu behandeln.
1. Allgemeine FWB
· Schulz/Basler: Deutsches Fremdwörterbuch, Straßburg 1913: hoffnungslos veraltet; aber: Der Neudruck der 1970er Jahre ist ab dem 3. Bd. (1977) nicht ein fotomechanischer Abdruck, sondern eine überarbeitete Fassung. Ab dem Buchstaben Q/R gibt das FWB daher gediegene, wissenschaftliche Auskunft.
· Neubearbeitung von Schulz/Basler, 2. Aufl.: Das Fremdwörterbuch, de Gruyter. Bisher sind 4 Bd.e erschienen (bis Buchstabe D); ein hervorragendes Buch.
· Anglizismenwörterbuch, de Gruyter: sehr brauchbar.
2. Wörterbücher zu Neologismen
Es gibt hier eigentlich kein wirklich empfehlenswertes Buch. Schrodt erwähnt als Zwangslösungen zwei Varianten:
· Duden: Trendwörterbuch: kein gutes Produkt
· Horx: Trendwörterbuch: besser als Duden. Die pragmatische Gebrauchsbestimmung der Wörter wird erläutert. Es eignet sich noch am ehesten als Neologismen-WB.
Einleitung
A. Fremdwörter einer Werbeaussendung - Fremdwörter im Alltag
Als Einstieg in die Thematik bespricht Schrodt die Wörter, die in einer Werbeaussendung eines Kaufhauses verwendet werden. Er zählt (Zahlen und Eigennamen ausgenommen) 201 Wörter, darunter 116 deutsche und 85 Fremdwörter.
Die Ergebnisse dieser exemplarischen Behandlung von Fremdwörtern sind folgende: Fremdwörter sind Formen der Lebenspraxis und werden von bestimmten Sprachkulturen und -schichten unterschiedlich eingesetzt (z. Bsp. ‘Kultur des Shoppings’ bei Beispielen). Sie können dabei morphologische oder semantische Lücken ("gebookmarkt", "cool") ausfüllen, können aber auch parallel zu einem deutschen Wort eingesetzt werden ohne nennenswerte Unterschiede auf der Denotatebene ("Cushion" statt Polster). Dies führt dazu, dass neueste Fremdwörter (oft Anglizismen) nicht in Fremdwörterbüchern enthalten bzw. dort sehr umständlich und oft beinahe lächerlich erklärt werden. Die von den FWBn vorgeschlagenen deutschen Entsprechungen wirken ungewohnt und unpassend (Bsp.: Kaufhaus ist die Destination - Kaufhaus ist die Bestimmung, der Bestimmungsort, der Endzweck > Sinnänderung).
B. Globalisierung der Sprache vs. Sprachpurismus
Zwei Texte deutscher Wissenschaftler zum Thema: ‘sollen in Frankfurt ausländische Studenten ohne Deutschkenntnisse studieren dürfen/können’ werden vorgelesen. Der Literaturwissenschaftler wehrt sich gegen den immer stärker werdenden Einfluss des Englischen, der Wirtschaftswissenschaftler begrüßt die fortschrittliche Tendenz zur sprachlichen Globalisierung, die eine umfassendere Kommunikation zwischen Völkern ermöglicht. Diese beiden Extreme können beispielhaft für die beiden Standpunkte stehen: Globalisierung der Sprache = ‘stürzen, was im Einsturz begriffen ist’ vs. Purismus = ‘bewahren, was in Gefahr ist’. Verschiedenste Problematiken ergeben sich aus dieser Thematik (etwa Sprachbewusstsein, Wissenschaftssprache ...), werden jedoch eher im Bereich der Alltagskultur diskutiert.
Im Bereich der Wissenschaftsliteratur hat das Englische beinahe alle anderen Sprachen verdrängt. Während zur Mitte des Jahrhunderts englische Forschungsliteratur in Österreich nur übersetzt veröffentlicht wurde, wird ursprünglich deutschsprachige Literatur im Forschungsbereich nur beachtet, wenn sie ins Englische übertragen wird.
#2, Mi., 22.03.2000, Hörsaal 30 des Instituts für Germanistik
I. Begriffliches
Die Termini Fremdwort und Lehnwort werden in der Alltagssprache wie auch in der Wissenschaft verwendet. Letztere versucht, klare Definitionen für diese Wörter zu geben.
Die resultierende Problematik sei an folgendem Satz demonstriert: "Am vergangenen Freitag nahm der Großvater des Herzogs mit Rücksicht auf die Beschwerden der Untertanen an einer Sitzung in der Hauptstadt teil." Nur die Präpositionen und Artikel sind deutsche Wörter. Alle übrigen Wörter haben ihren Ursprung oder ihre Motivation in einer anderen Sprache. Man bezeichnet sie als Lehnprägungen:
· vergangen ist eine Lehnübertragung aus dem lat. 'praeteritus'.
· Freitag ist eine Lehnübersetzung von 'veneris dies' (Freya statt Venus)
· Großvater ist eine Lehnübertragung aus frz. 'grand-pêre'
· Herzog ist eine Lehnübersetzung von griech. 'stratelates'
· Rücksicht ist eine Lehnübersetzung von lat. 'respectus' (re>Rück, spectus>Sicht)
· Beschwerden hat seine übertragene Bedeutung nach 'gravamina'
· Untertan ist eine Lehnübertragung von lat. ?
· Sitzung ist eine Lehnprägung nach frz. 'session'
· Hauptstadt ist eine Lehnübertragung von 'capitale'
· teilnehmen ist eine Lehnübertragung von lat. 'participere'
Die Fremdwörter sind also so alt, dass sie bereits vollständig ins Dt.e integriert sind, die grammatischen Flexionen des Dt.en übernommen haben usf. Zur Ordnung in Gruppen dient:
A. Diachrone, etymologische Typologie nach Werner Betz
Die Ordnung kann in einem Stammbaum dargestellt werden. Die Ordnungsprinzipien sind diachron und liegen in der Etymologie der Wörter begründet. Vorrangig unterscheidet man:
Lehnwörter > Fremdwörter und assimilierte Lehnwörter
Lehnwörter ist der Oberbegriff für alle nicht ursprünglich deutschen Worte. Fremdwörter sind Worte, die als Ganzes und ohne gestaltliche Veränderungen aus einer anderen Sprache übernommen worden sind. Assimilierte Lehnwörter sind fremde Wörter, die dem deutschen Gebrauch, der deutschen Lautgestalt (Flexion etc.) angepasst sind. Es sind die Lehnwörter im eigentlichen, engeren Sinn. Lehnprägungen sind in Anlehnung an Fremdwörter gebildete Wörter:
Lehnprägungen > Lehnbildung und Lehnbedeutung
Lehnbildung > Lehnformung und Lehnschöpfung
Lehnformung > Lehnübersetzung und Lehnübertragung
Bei der Lehnbedeutung bekommt ein deutsches Wort eine neue Bedeutung nach Vorbild eines fremden Wortes. Lehnbedeutungen treten oftmals bei Wörtern mit mythologischen Bedeutungen auf, die durch das Christentum semantisch überformt wurden. Bsp.: [Kluge (23)1995, S. XXII] lesen - urspr. auflesen, durch Kontakt mit lat. legere > zusätzliche Bedeutung '(Schrift) lesen'; Gott - urspr. Opfern, Gießen, später: aus Neutrum wird Masculinum > christlicher Gott; Geist - urspr. außer sich sein (idg. gähnen); früher meinte man: See - früher Zusammenhang mit See; Bindeglied zu neuer Bedeutung: Wassergeister. aber: etymologisch nicht geklärt; Gnade - urspr. Wohlwollen, später: christlicher Sinn.
Lehnbildungen scheidet man in Lehnformung und Lehnschöpfung. Die Lehnschöpfung ist ein Wort, das nur durch das Vorhandensein eines gegebenen fremdsprachigen Wortes entstehen kann. Ein neues Lexem wird gebildet; allerdings nicht (wie bei Lehnformung) durch Übersetzung. Beispielsweise ist Freistaat nicht ohne das Vorbild Republik denkbar. Bsp.: Gesichtskreis für Horizont, Hochschule für Universität [Universität bedeutet urspr. die Gesamtheit und Einheit der Lehrenden und Studierenden], Kraftwagen für Auto, Morgenrock für Negligé, Automobil als Kunstwort in Anlehnung an griech.-lat. Begriffe, Fahrkarte für billet [heute: Ticket. Der Unterschied zwischen Ticket und Eintrittskarte bzw. Fahrkarte scheint in der sozialen Sprachschicht zu liegen.] Diese Wörter gäbe es nicht ohne die fremdsprachige Vorlage.
Lehnformungen gliedern sich in Lehnübersetzungen und Lehnübertragungen. Lehnübersetzungen sind Wörter, die durch ein wörtliches Übersetzen eines fremden Wortes zustande kommen. Bsp.: Jungfernrede von engl. maidenspeech = erste Rede eines Parlamentariers im Parlament; Montag aus lat. dies lunae > vorahd. *mänin daga > ahd. mana daga > mhd. mantag > nhd. Montag; Himmelreich - lat. regnum coelorum; Fernsehen - engl. television; Freimaurer - ne. free mason. Lehnübertragung meint, dass eine freiere Teilübertragung/-übersetzung als bei der Lehnübersetzung vorliegt. Bsp.: Halbinsel von lat. paeninsula (paen = 'fast', wird aber trotzdem mit 'halb' wiedergegeben); ahd. bücherfass aus lat. bibliotheka; Wolkenkratzer aus ne. sky scraper (eigentl. Himmelskratzer).
Abschließend lässt sich feststellen, dass diese diachrone Typologie sehr mühsam ist, weil sie genaueste Kenntnisse der Sprachgeschichte des Deutschen, sprich v. a. der ahd. Texte erfordert. Sie stammt bezeichnenderweise aus einer Zeit, während der sich die Wissenschaft bes. mit diesen Texten auseinandergesetzt hat. Werner Betz stellt sie ein einem Buch vor, worin er sich mit der ahd. Benediktinerregel befasst. Interessanterweise wurde die Typologie vom Deutschen ins Englische übernommen; eine wissenschaftliche Seltenheit.
B. Synchrone Einteilung nach Peter v. Polenz: Fremdwort und Lehnwort sprachwissenschaftlich betrachtet
Polenz stellt fest, dass die häufig verwendete Einteilung in Fremdwort und Lehnwort nach der Anpassung oder Nichtanpassung der Wörter an die deutsche Grammatik zu sehr ungewöhnlichen Ergebnissen führen kann. Beispielsweise gelten Lexikon und Atlas so gesehen als Fremdwörter, während Foliant als Lehnwort zu klassifizieren wäre.
Er schlägt daher vor, folgende (soziologische) Kriterien zu verwenden: Sprecher, Rezipient, Situation, Sachbezug, Kontext, Stilfärbung und Bedeutung (im Verhältnis zu den anderen Wörtern desselben Wortfelds). Bsp.: Im Vorwort zu Coseriu: Einführung in die allgemeine Sprachwissenschaft (ähnliche Entstehungsgeschichte wie der Cours de linguistique générale) betont der Redaktor, dass das Buch eine Vereinfachung, aber keine Simplifizierung darstellt. Simplifizierung wird abwertend gebraucht, was der lat. Herkunft des Wortes - Latein gilt eher als Prestigesprache - entgegensteht. Möglicherweise resultiert das negative Konnotat aus dem gebräuchlichen, lautlich und inhaltlich verwandten Wort simpel. Entscheidend ist, dass der Unterschied im Bereich der Konnotation(en) liegt, und dass praktisch alle Kriterien, die Polenz formuliert, Relevanz besitzen. Der soziologische Fremdwortbegriff von Polenz erscheint somit wesentlich brauchbarer als die diachrone Typologie nach Betz.
#3, Mi., 29.03.2000, Hörsaal 30 des Instituts für Germanistik
[FORTSETZUNG VON I. Begriffliches, B. Synchrone Einteilung]
Als Wiederholung der letzten Stunde meint Schrodt, dass der diachrone Zugang wenig sinnvoll erscheint, da dazu umfassende Kenntnisse der historischen Sprachwissenschaft und der Etymologie notwendig sind und außerdem die Klassifikation eine sehr ungewöhnliche sein kann, die nicht zwangsweise der tatsächlichen Verwendung der Wörter entspricht. Daher noch einmal die wichtigsten Absätze aus Peter von Polenz: Fremdwort und Lehnwort sprachwissenschaftlich betrachtet, die Schrodt in der LV vorliest (Fettdruck nicht im Original):
"Die herkömmliche Definition des Unterschiedes zwischen 'Fremdwort' und 'Lehnwort' nach dem formalgrammatischen Prinzip der graphischen, phonetischen und flexivischen Angleichung ist unbefriedigend: Danach wären z. B. allgemein gebräuchliche Wörter wie Lexikon und Atlas wegen ihrer besonderen Pluralbildung 'Fremdwörter' und seltene Fachwörter wie Enzyklopädie oder Foliant wegen ihrer normalen deutschen Pluralbildung 'Lehnwörter'. Das Fremdwort/Lehnwortproblem kann mit solchen äußerlichen Kriterien des Wortkörpers nicht gelöst werden. Es kommt im gegenwärtigen Zustand einer Sprache vielmehr darauf an, von wem ein Wort benutzt wird, gegenüber welchem anderen Sprachteilhaber, in welcher Sprech- oder Schreibsituation, mit welchem Sachbezug, in welchem Kontext, mit welcher Stilfärbung und vor allem mit welcher Bedeutung im Verhältnis zu den Bedeutungen der anderen Wörter des Wortfeldes, in dem das entlehnte Wort seinen Platz gefunden hat.
Der ganze Fremd- und Lehnwortschatz bedarf in der Sprachwissenschaft ebenso wie in der Sprachpflege einer neuen Gruppierung: einer synchronischen Zuordnung zur Wortschatzstruktur des heutigen Deutsch. Einen solchen Gruppierungsversuch hat im Jahre 1960 Leo Weisgerber in der Zeitschrift "Muttersprache" vorgelegt. Er war damit der erste Fachwissenschaftler, der nach dem blamablen Niedergang des deutschen Sprachpurismus, nach der hierauf eingetretenen Stille und nach der Neugründung der Gesellschaft für deutsche Sprache in ihrer Zeitschrift zum Fremdwortproblem grundsätzlich Stellung nahm. Er ging aber mit keinem Wort auf die Gründe dafür ein, warum man in Deutschland und in der Sprachgesellschaft seit 1937 in der Fremdwortfrage so zurückhaltend geworden war. So bleiben auch seine methodologischen Folgerungen unbefriedigend, zumal er den Begriff 'Lehnwort' bewusst meidet. Zwar ist seine Wertungsskala von 'schädlich' über 'hinderlich', 'fragwürdig', 'überflüssig', und 'neutral' bis zu 'nützlich', 'notwendig' und 'echte Bereicherung' eine erfreulich differenzierende Antwort auf die nie verstummte Wertungsfrage der Sprachpfleger und 'Sprachfreunde'; und auf der positiven Seite seiner Skala sind seine semantischen Vergleiche zwischen entlehntem Wort und seinen möglichen Entsprechungen im Erbwortschatz hilfreiche Hinweise für eine angemessene Beurteilung des Lehnwortschatzes vom Inhalt her. Das sind synchronische Antworten auf die synchronische Fragestellung.
Bei den wichtigen Kategorien 'schädlich' und 'hinderlich' vermischt Weisgerber jedoch Synchronie mit Diachronie und gibt fragwürdige Beispiele, die geeignet sind, die Sprachpflege wieder auf die alten Irrwege zu locken. Nach allem, was wir von der verführerischen Wirkung bestimmter Fremdwörter im politischen Leben erfahren haben, und im Rückblick auf jene Diskussion über Propaganda, Organisation, Garant, arisieren, Konzentrationslager, Sterilisation, die in den ersten Nazijahren in der "Muttersprache" geführt und zum Schweigen gebracht worden ist, sollte man erwarten, daß in die Kategorie 'schädlich' Wörter eingeordnet würden, die in der Kommunikationswirklichkeit Schaden angerichtet haben oder noch heute anrichten können: vulgärwissenschaftliche Schlagwörter und Tarnwörter, die vom größten Teil der Sprachgemeinschaft nicht oder nicht richtig verstanden werden und die die begriffliche Klarheit in der öffentlichen Meinung behindern. Statt dessen gibt Weisgerber Beispiele für eine recht wirklichkeitsferne diachronische Schädlichkeit, indem er sich auf den alten Grammatiker Schottel beruft, der gesagt habe, "daß eine einmal aufgegebene Sprachwurzel für kein Gold der Erde wiedererworben werden kann". Und so hält Weisgerber 'Fremdwörter' wie Onkel und Tante für 'schädlich' : "Wurzeln wie die von Oheim, Base haben unter der Wirkung fremder Wörter (Onkel, Tante) ihre Lebenskraft verloren und werden nicht mehr aufgeweckt werden." Wenn man aber bedenkt, daß die uralten Bezeichnungen für die Elterngeschwister (Vetter und Base väterlicherseits, Oheim und Muhme mütterlicherseits) zur Zeit des französischen Spracheinflusses innerhalb des deutschen Wortschatzes längst etymologisch isoliert, also in der Wortschatzstruktur genauso unmotivierte Lexeme waren wie die entlehnten Onkel und Tante, und wenn man bedenkt, daß die alte rechtliche Unterscheidung zwischen Verwandtschaft väterlicher- und mütterlicherseits längst verfallen und jene altdeutschen Wörter seitdem in den Mundarten in sehr unterschiedlicher, unklarer Bedeutung für mehrere Verwandtschaftsgrade verschiedener Generationen verwendet wurden, dann muß man sich fragen, wer denn durch die Entlehnung von Onkel, Tante (und Cousine) einen Schaden erlitten haben soll: Sicher nur die Sprache als methodologische oder ideologische Abstraktion des diachronisch denkenden Sprachbetrachters, nicht aber die Sprachstruktur und die Sprachgemeinschaft. Man könnte hier sogar von einem semantisch-sprachsoziologischen Nutzen der Entlehnung sprechen: Man hatte wieder eine klare begriffliche Ordnung in diesem Wortfeld: Statt der verfallenen Opposition 'väterlicherseits'/'mütterlicherseits' die neue Opposition 'ältere'/'jüngere Generation' (Onkel, Tante/Vetter, Cousine), und man hatte zudem durch die Obernahme der höfisch-französischen Wörter ein sprachliches Mittel zum gesellschaftlichen Aufstieg, ähnlich wie bei dem durchaus nicht 'schädlichen' Lehnwort Dame. Sehr viele alte Wortwurzeln sind im Laufe der Sprachentwicklung untergegangen, und zwar aus bestimmten Ursachen; aber die deutsche Sprache ist dadurch nicht ärmer geworden. Im Gegenteil: Sie hat dafür Tausende neuer Wortstämme gewonnen, die sie zu einer leistungsfähigen, feiner differenzierenden modernen Kultursprache gemacht haben. - Mit welchem Recht also darf der Sprachpfleger der Sprachgemeinschaft die 'Schädlichkeit' von Lehnwörtern wie Onkel und Tante glaubhaft machen?
Für 'hinderlich' hält Weisgerber Fremdwörter, die "dem Entstehen einer einheimischen Bildung im Wege stehen". Er hält es für nicht unbillig zu verlangen, dass die ständig neu entstehenden Industrieerzeugnisse "wenigstens in ihrem Ursprungsland auch mit einheimischem Sprachgut vorgestellt würden. Nicht nur wegen der Echtheit des geschichtlichen Bildes, sondern auch um die Aufgabe der Prägung neuer Wörter auf viele Sprachen zu verteilen, dort wo man jetzt zu pseudoantikem Gut oder zum Abkürzungswort greift". Diese Forderung mag ihre Berechtigung haben gegenüber Warenbezeichnungen mit Wörtern aus modernen Fremdsprachen. Aber die "Echtheit des geschichtlichen Bildes" sollte man hier lieber ganz beiseite lassen, denn Sprache ist nicht für die Geschichte da, sondern für die legitimen Bedürfnisse der Sprecher, beispielsweise für die Benennung des Produkts mit den sprachlichen Mitteln, die dem Produzenten die größtmögliche Werbewirkung und dem Käufer die größtmögliche sprachsoziologische Kommunikationsbreite über Sprachgrenzen hinweg bieten. Es ist eher eine Verfälschung des geschichtlichen Bildes, wenn man als Sprachwissenschaftler Tausende neuer Wortstämme und Wortbildungsmittel, die sich Wissenschaftler, Techniker und andere Fachleute in vielen Kulturländern seit zwei Jahrhunderten für die sprachliche Erschließung ihrer vielfältigen neuen Sachwelt zu eigen gemacht haben und die nun einen wesentlichen Bestandteil des einzelsprachlichen und großenteils internationalen Fach- und Sachwortschatzes darstellen, noch heute mit dem etymologisierenden Begriff "pseudoantikes Gut" abwertet. Die Entlehnung und produktive Anwendung von Wortstämmen aus antiken Sprachen ist eine kulturgeschichtliche Leistung der europäischen Völker, die weder der Antike noch der Moderne Unrecht tut."
Ein Beispiel für die legitimen Bedürfnisse wäre die Geschäftsbezeichnung "casual wear". Sie signalisiert den Sprachteilnehmern, dass der Laden für ein bestimmtes Publikum, nämlich junge, jugendliche Leute, bestimmt ist. Das heißt für Personen fortgeschrittenen Alters: "Ich darf nicht hinein".
Nach Habermas' Theorie der idealen Sprechsituation verstößt diese Ausgrenzung natürlich gegen die Regeln des gleichberechtigten Diskurses. Doch ob gut oder schlecht, Nicht-Kommunikation gehört nun einmal zum Alltag und kann nicht von der Wissenschaft ignoriert oder geleugnet werden. Ein Paradebeispiel für gewollte Nicht-Kommunikation wäre das Nicht-Übernehmen und Nicht-Annehmen von bestimmten politischen Kommunikationsformen. Die Abgrenzung im sprachlichen Bereich der Politik erfolgt durch andere Begriffe usf. Zurück zu Polenz:
"Mit solcher historistischen und unsoziologischen Sprachbetrachtung, wie sie Weisgerber hier - entgegen seiner sonstigen Methodik - passiert ist, können der Sprachpflege jedenfalls keine neuen, besseren Wege gezeigt werden. Die synchronische Frage nach Wert oder Unwert bestimmter Wörter in einem gegebenen Sprachzustand erfordert - bevor man Wertungen wagen kann - eine synchronische Gruppierung des Wortschatzes dieses Sprachzustands. Man sollte dabei nicht gleich damit beginnen, die entlehnten Wörter in die semantische Struktur des Gesamtwortschatzes einzuordnen, denn diese semantische Struktur existiert nur in der summierenden Abstraktion des Wörterbuchs. Im Sprachleben handelt es sich vielmehr um verschiedenartige semantische Teilsysteme im Sprachbesitz bestimmter sprachsoziologischer Gruppen und im Sprachgebrauch bestimmter Arten von sprachstilistischen Situationen. Es ist ja gerade ein wesentliches Merkmal vieler aus fremden Sprachen entlehnter Wörter, dass sie von bestimmten Sprachteilhabern und in bestimmten Redesituationen nicht oder nicht richtig verstanden werden. Die Ursache dafür ist aber nicht so sehr die fremdsprachliche Herkunft dieser Wörter oder ihrer Bestandteile, sondern ihre sprachsoziologisch und stilistisch gebundene Geltung; solche Geltungsmerkmale teilen diese sogenannten 'Fremdwörter' mit vielen sogenannten 'Erbwörtern', so dass das Herkunftskriterium gegenstandslos wird."
Also geht es um semantische Teilsysteme. Interessant ist nicht die Herkunft des Fremdworts, sondern die Kausalkette, die zum Gebrauch des Fremdworts führt.
II. Lauf durch die Geschichte des Fremdworts
A. Exkurs: Stadien der deutschen Sprache
1. Einteilung der Entwicklung des Deutschen
Die Modelle, die die Sprachwissenschaft anbietet, sind oft unterschiedlich oder sogar widersprüchlich. Schrodt präsentiert folgende Möglichkeit einer Periodisierung:
Am Anfang steht das Indogermanische - als Einzelsprache oder als Ansammlung von Dialekten. Zeitlich kann es nicht fixiert werden. Ein paar Jahrtausende auf oder ab spielen keine Rolle. Um 500 v. Chr. spricht man von Germanischen Stammessprache(n), darunter das Westgermanische. Dieses unterteilt sich wieder in Friesisch, Englisch, Niederländisch, Niederdeutsch. Von dem Modell eines einheitlichen Westgermanisch hat man Abstand genommen, da es sich vermutlich eher um einzelne Dialekte gehandelt hat. Als Vorläufer der deutschen Stammessprachen können das Bairische und das Alemannische gelten.
Ab ca. 500 n. Chr. finden sich die ältesten Zeugnisse der deutschen Sprache. Sie wird weiters unterteilt in das Frühalthochdeutsche (600-750; vorschriftliche Denkmäler = Namen, einzelne Wörter in lat. Texten), das Althochdeutsche (750-1050); dieses wird durch die Abschwächung der Nebensilben (Bsp.: haban > haben) - ein beliebiges Kriterium - in einer Übergangszeit (1050-1150) ohne wesentliche schriftliche Zeugnisse zum Mittelhochdeutschen (1150-1350; früher meinte man: bis 1500); dem folgt 1350-1650 das Frühneuhochdeutsche, das sich vom Mhd. durch Monophthongierung und Diphthongierung abgrenzt (hûs > haus), woran endlich das Neuhochdeutsche anschließt. Um 1900 setzt man eine weitere Teilung an, die sich in der Normierung der Rechtschreibung begründet, die natürlich eine Normierung der Aussprache (Siebs), der Grammatik usf. nach sich zog.
Schrodt bemerkt noch, dass solche systemimmanente Kriterien, die Entwicklungsstufen trennen, durch außersprachliche, systemtranszendente Kriterien bedingt sind. Letztere sind als Erklärungen von Interesse für die Sprachgeschichte. Bsp.: 19. Jh.: von feudalem System zu Zentralismus > Normierung der Sprache in Wörterbüchern.
2. Das Indogermanische
Zu den Indogermanen bzw. deren Urheimat gibt es verschiedenste Theorien. Meist wird angenommen, dass ihre Heimat in den Steppen Asiens lag. Rückschlüsse auf die Örtlichkeit des vielleicht sogar imaginären Urvolks beziehen sich nur auf die konstruierten idg.en Wörter. Daraus ergibt sich ein bestimmtes Kontingent an Werkzeugen etc., das die Lebenssituation erahnen lässt. So kannten die Indogermanen Ausdrücke für: Viehzucht, Pferd (als Reittier), Großfamilie; [jedoch kein Wort für Baum]. Heute wird manchmal vermutet, die Indogermanen wären aus Litauen. Auch der Ursprungstheorie des Indogermanischen als Ursprache stehen viele Forschermeinungen entgegen. Möglicherweise gab es nur einen Sprachbund von verschiedenen Dialekten/Sprachen. Ein Indiz, welches diese These bestärkt, ist das Hethitische. Diese Sprache scheint wesentlich älter zu sein als die übrigen vom Indogermanischen abstammenden Sprachen. Es ist eher dem Indogermanischen als gleichwertig anzusehen. (Diese Überlegungen begründen sich im komplexen Vokalsystem des Hetitischen.)
Außerdem gab es vermutlich bereits im 2. Jt. v. Chr. alteuropäische Sprachformen, z. Bsp. im italienischen Raum. Ob bzw. wie zu dieser Zeit die Sprachen einander beeinflussten, kann auf Grund mangelnder Zeugnisse nicht erschlossen werden.
B. Wien und der Wein oder: Das "älteste" Fremdwort
Natürlich kann nicht von dem ältesten Fremdwort die Rede sein, doch die Etymologie von Wein sollte zumindest eine sehr alte Variante einer Entlehnung zeigen. Schrodt holt weit aus und startet einen geschichtlichen Exkurs zur Stadt Wien:
Um 2000 v. Chr. gab es diese Stadt freilich noch nicht, doch es lebten bereits Menschen in diesem Raum. Die Population ist schon für die letzte Eiszeit (endet ca. 8000-10000 v. Chr.) "belegt" durch die Funde von Mammutknochen, die Spuren eines durch Jäger herbeigeführten, gewaltsamen Todes aufweisen. In Ausgrabungen in Döbling (am Hungerberg) fand man Werkzeuge aus der Jungsteinzeit (ab 9000 v. Chr.). Man spricht von der Donauländischen Kultur.
Gegen Ende des 3. Jt. v. Chr. dringen wehrhafte Bauern aus dem Norden in den Wiener Raum ein. Sie bringen die Streitaxt mit, was durch Grabfunde (Zieräxte) belegt ist. Man geht davon aus, dass dieses Volk die Indogermanen waren. Nach der gängigen Fachmeinung haben sich diese beiden Völker friedlich vermischt, da auch die Grabbeigaben kulturelle Artifakte beider Volksgruppen enthalten. Eine weitere bedeutende archäologische Fundstelle befindet sich in Ober St. Veit. Die Hügelgräber erinnern aber bereits an die beginnende Hallstätter Kultur.
Während des 3. Jh.s v. Chr. besiedeln die Kelten das Gebiet, die ca. um Christi Geburt von den Römern verdrängt werden. Unter den Römern entsteht nun Wien als Vindobona; Schrodt ist sich bzgl. der Aussprache des Namens nicht sicher, denn der Name stammt eigentlich aus dem Keltischen, wurde allerdings von den Römern in ein lateinisches Gewand gesteckt.
Doch nun zum Wein. Die Etymologie scheint auf den ersten Blick klar zu sein: Aus lat. vinum und ahd. win lässt sich auf idg. *nei schließen, was der Wurzel für 'drehen' entspricht; die Weinranke dreht sich um einen Stamm o. Ä. als Erklärung. Doch diese Erklärung ist falsch, denn in Europa gab es zu dieser Zeit gar keinen Wein. Der Ursprung des Wortes muss in einer anderen Sprache (weil in einem anderen Gebiet) liegen. Da zu dieser Zeit der Weinbau wahrscheinlich im südlichen Kaukasus und in den Mittelmeerländern betrieben worden ist, bietet sich ein georgisches Wort als Erklärung der Etymologie von Wein an: georg. gwino wird als Fremdwort übernommen. Doch auch diese Theorie ist nicht gesichert.
So kann man freilich nicht vom absolut ältesten, aber sicherlich von einem der ersten Fremdwörter sprechen, das mit gewisser Sicherheit als solches erkannt werden kann.
#4, Mi., 05.04.2000, Hörsaal 30 des Instituts für Germanistik
Eine tschechische Dozentin aus Olmütz, die in der Ausbildung von Pädagogen tätig ist und linguistische Forschungen auf dem Gebiet der Jugendsprache und Pädagogik betreibt, hält einen Vortrag über das Fremdwort im Tschechischen. Sehr häufig schweift sie vom eigentlichen Thema ab und verfällt in das Berichten von ihren eigenen Forschungen. Kaum etwas Wesentliches wird gebracht, keine Erklärungsversuche oder detaillierte Beschreibungen zur Fremdwortproblematik werden unternommen. Zwei Handouts.
#5, Mi., 12.04.2000, Hörsaal 30 des Instituts für Germanistik
[Fortsetzung von: II. Geschichte des FW, B. WIEN UND DER WEIN]
Als Überleitung fasst Schrodt zusammen: Das Indogermanische ist um 2000 oder noch länger v. Chr. anzusetzen. Das Wort Wein ist vermutlich eine Entlehnung aus dem Georgischen. Der Stadtname vindobona ist die römische Version eines keltischen Wortes: kelt. vindo- 'weiß', bo& n- vermutlich (lt. Birkhan) eine keltische Wurzel für Lichtung/Abholzung; vgl. idg. *bhen; vgl. die deutsche Stadt Bonn. Vgl. andere Ortsnamen mit -reut, das Rodung bedeutet.
C. SUBSTRATE und Adstrate
1. Was ist ein Substrat?
Vor dem Indogermanischen dürfte es in Europa eine andere Sprache gegeben haben. Beim Kontakt mit dem Indogermanischen sind diese Sprachen größtenteils verdrängt worden. Nur geringe Teile dieser Substrat-Sprachen scheinen in die Superstrat-Sprache Indogermanisch Eingang gefunden zu haben. Vermutlich waren diese Sprachen: Ligurisch, Etruskisch usf. Ob das tatsächlich so stimmt, ist völlig unklar und sehr umstritten.
In naher Zukunft wird im Internet eine Liste mit den wichtigsten Beispielen abrufbar sein. (Dies gilt auch für die weiteren Kapitel.) Hier werden daher nur einige Wörter aufgezählt: Gämse, Lawine, Brente (= ein Gefäß zum Milchtransport, verwendet in den Alpen; eines der am wenigsten umstrittenen Substrate), Senner und Sennerin, Spanferkel, Fön. Die Quintessenz der Beispiele ist: (1) Substrate sind Wörter, die sich nicht ohne Probleme auf idg. Wurzeln zurückführen lassen, weshalb man ihre Herkunft anderwertig zu erklären versucht. (2) Im Lauf der Jahrhunderte und Jahrtausende haben sich verschiedenste Sprachschichten überlagert (Keltisch, Etruskisch, Urgermanisch etc.).
Die Substratwörter lassen sich verschiedenen, abgegrenzten Lebensbereichen zuordnen. Es sind dies Bezeichnungen für Tiere und Pflanzen, Termini der alpinen Wirtschaft, der Seefahrt usf. Doch auch manche Ortsnamen sind offenbar unter Substrat-Einfluss entstanden. Bsp.: Tauern, Zirl und Tirol (selbe Etymologie; Unterschied nur dadurch, dass Zirl von der zweiten Lautverschiebung verändert worden ist.)
2. Exkurs: Substratforschung
Die Substratforschung ist wissenschaftlich nur wenig angesehen. Die Gründe dafür sind vor dem Zweiten Weltkrieg zu suchen: Substratforscher waren zumeist jüdischer Abstammung und mussten zur Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft den deutschsprachigen Raum verlassen. Nach dem Krieg hat sich die Substratforschung nicht wieder erholt.
Momentan erlebt diese Disziplin wieder einen gewissen Aufschwung, u. a. durch den Münchner Sprachwissenschaftler Vennemann. Er versucht, Substrate auf Kontakte mit dem Baskischen (die isolierte Sprache Europas, die keine Ähnlichkeiten zu irgendwelchen anderen Sprachen aufweist) zurückzuführen. Seine Artikel finden sich meistens in der von ihm mitherausgegebenen Zs. Sprachwissenschaft.
Ein weiterer, bereits verstorbener Wissenschaftler, der sich intensiver mit Substratforschung beschäftigt hat, war Hans Kuhn. Er vermutete, dass sprachliche Reste einer idg.en Sprache, die in NW-Deutschland (Westfalen) anzusiedeln wäre, als Substrate die heutigen europäischen Sprachen beeinflusst hätten. Diese Einflüsse sollten gewisse Ungereimtheiten der Sprachgeschichte erklären helfen. Beispielsweise dürfte es im Idg.en kaum Wörter mit b- als anlautendem Konsonanten gegeben haben. Also dürfte es also im Germanischen keine oder nur wenige Wörter mit p- im Anlaut geben. Dem ist aber nicht so (Pflug, Pflicht, pflegen, ne. play). Diese Wörter stammen daher mit großer Sicherheit nicht aus dem Germanischen. Ebensowenig dürften sie dem Keltischen entlehnt sein, da im Keltischen das p- ohnehin komplett verschwunden ist. Weitere Beispiele: siehe Internet; lat. palma 'flache Hand', mne. pors 'Gargelstrauch', ndd. prüsten, furzen < purten, Penis < pesel, Fut < put, paderborn < Pader (Fluss Po), Federsee (in Schwaben). Diese Auffassung wird gerne als NW-Block bezeichnet und von einigen Sprachwissenschaftlern strikt abgelehnt.
3. Entlehnungen aus dem Keltischen - Adstrate
Die Entlehnungen aus der keltischen Sprache werden nicht als Substrate, sondern als Adstrate bezeichnet, weil sie als Sprachgut einer eigentlich (kulturell, sozial) überlegenen Volksgruppe in die Sprache eines weniger weit entwickelten Volkes eindrangen. Beispiele (siehe wieder Internet) wären: kelt. *dunos 'Burg', 'Stadt' > ne. town, kelt. *riks > Reich, Amt < kelt. amb-aktos 'Krummgeschickter', 'Diener' (idg. Wurzel vorhanden; aber: Lautform vom Keltischen beeinflusst). Weiters stammen viele Wörter aus dem Hüttenwesen aus dem Keltischen: Eisen < vgl. air. iarann, Brünne 'Harnisch für Hals und Brust' - vgl. air. bruinne, Lot 'fließendes Metall' < vgl. mir. lúaide.
D. Lateinische Einflüsse - ERSTE UND ZWEITE LATEINISCHE Welle
Die lateinischen Einflüsse auf die germanischen Sprachen vollzogen sich in erster Linie in drei sog. "lateinischen Wellen". Die Erste lateinische Welle wird in etwa mit dem Zeitraum der Zweiten Lautverschiebung gleichgesetzt (50 v. Chr. - 500 n. Chr.); die Zweite lateinische Welle kann ungefähr mit 500 - 800 n. Chr. umschrieben werden; die Dritte lateinische Welle bezeichnet die spätlateinischen Einflüsse in der Zeit des Humanismus.
1. Die "Erste lateinische Welle" (ca. 50 v. Chr. - 500 n. Chr.)
Der Kontakt zwischen Römern und Germanen findet hauptsächlich durch die Romanisierung Galliens am Niederrhein, an den Flüssen Mosel und Maas, statt. Kultur- und Verwaltungszentrum ist die Stadt Trier. Weitere Kontakte passieren an der Donau, am Oberrhein und im Alpengebiet. Die Verbindungen im Alpengebiet sind jedoch sehr spärlich, weil die Alpen-Barriere auch den Sprachkontakt und -austausch be- oder sogar gänzlich verhindert. Der Kontakt bewirkt einen immensen Kulturumbruch bei den germanischen Völkern. Aus dem neuen Vokabular geht hervor, dass auch vielerlei Tätigkeiten von den Römern auf die Germanen übergingen. Z. Bsp. ausgeklügelterer Hausbau, besser strukturierte Verwaltung usf. (s. u.). Die Entlehnungen der ersten lateinischen Welle werden noch von der Zweiten Lautverschiebung und dem i-Umlaut verändert. Sie geschehen daher noch in gemeingermanischer Zeit. Die übernommenen Wörter lassen sich wieder bestimmten Bereichen zuordnen. Diese sind: Hausbau (mit Stein), Gemüse und Obst, Weinbau, Handel, Zeiteinteilung, Kochkunst, Küche, Tiere, Verwaltung und Recht und christlicher Glauben.
Beispiele (siehe Internet): Hausbau: Die Häuser der Germanen waren aus Holz und Lehm (Pflöcke in Erde geschlagen > Holzgeflecht > mit Lehm verschmiert). Sie erlernen die Kunst des Hausbaus mit Steinen von den Römern und übernehmen etliche Wörter wie Wand, Fenster, Ziegel < ahd. ziagal, lat. tegula, Kalk, Mauer, Keller < lat. cellarium, Pfeiler < lat. pillarium. Obst und Gemüse: Kirsche, Pflaume, Pfirsich, Kohl, Rettich, Kürbis, Senf, Minze. Weinbau: Wein, Winzer, Kelter, Trichter, Kelch, Most; besonderes Interesse verdienen folgende vier Begriffe: Kelter < lat. calcare 'mit der Ferse treten', lat. calcatura 'das Keltern', Trotte 'Kelter' - Lehnübersetzung aus lat. calcatura zu lat. calcare, Torkel < mlat. torcula zu lat. torcular, torculum 'Presse' zu torquere 'drehen', Presse < mlat. pressa zu lat. premere 'drücken, pressen'; NB: verschiedene Entlehnungsschichten bei Kelter und Trotte. Handel: Markt, Kiste, Sach, Zins, Zoll, Münze, Pfund. Tiere: Esel, Maultier, Saumtier. Kochen: Küche, Koch, Kessel, Schüssel, Pfanne, Becken. Verwaltung und Recht: Kaiser < lat. Caesar, Kerker, Kette. christliche Mission: Schreiber < scriban < scribare, Tinte < tincta.
Zu dieser Zeit findet auch ein Sprachkontakt im süddeutschen Raum mit dem Gotischen statt (Wulfila-Bibel). Wörter sind beispielsweise Pfaffe, Pfarre, Engel, Teufel. Der Ursprung der gotischen Wörter liegt im Griechischen. Bsp.: Pfaffe < gr. páppas 'ehrwürdiger Vater, Papst'. Weitere Beispiele: bair. Ergetag 'Dienstag', Pfinstag 'Donnerstag', Kirche, Bischof. Vermutlich gelangten diese frühen christlichen Lehnwörter von den Goten (dem ersten germanischen Stamm, der zum Christentum konvertierte) über die Bayern in das Rheingebiet. Der Kontakt könnte jedoch auch durch die Römer erfolgt sein.
2. Die "Zweite lateinische Welle (ca. 500 - 800 n. Chr.)
Dieser Kontakt ist geprägt durch die angelsächsisch-fränkische Mission. Dementsprechend fallen die Lehnwörter großteils in den liturgischen Bereich. Bsp.: Priester, Probst, Pfründe, Küster, Dom, Münster, Kapelle, Kloster, Abt, Mönch, Nonne, Prälat (= Klosterwesen), Beichte < ahd. bi-jiht (jehan 'sagen'; daher eine Lehnübersetzung aus lat. confessio), Gewissen < lat. conscientia (Lehnübersetzung), Samstag < ntl-gr. sábbton < hebr. sabbat= (andere Formen: Satertag < Lehnübersetzung von lat. Saturni dies, Sonnabend < Lehnübersetzung).
E. Französische Einflüsse während der höfischen Zeit (1150 - 1250)
Das ständige Bestreben der deutschen Höfe, dem französischen Ideal zu entsprechen, evoziert auch viele sprachliche Entlehnungen. Das ideale Rittertum bzw. die Idee vom idealen Rittertum wird zuerst im altprovenzalischen Minnesang betont. Über das nördliche Altfranzösisch gelangt die neue Vorstellung von Gesellschaft in den deutschsprachigen Raum. Der rege Kulturaustausch passiert durch Reisen, Festlichkeiten etc.
Wieder lassen sich verschiedene Bereiche unterscheiden, denen besonders viele Entlehnungen zugeordnet werden können (siehe wieder Internet): Geselligkeit: amies, amie 'Geliebte(r)', prisant 'Geschenk', Tanz, Reigen, joie 'Freude', Schalmei, Posaune. Kampf und Ritterspiel: Turnier, Jost 'Zweikampf', Lanze, gabilôt 'kleiner Wurfspieß', turnzûne 'abgebrochenes Speerstück', Prinz, Baron, chevalier 'Ritter'. Kleidung: Collier. Wohnung: Kastell, Kastellan, Erker 'Schießscharte'. Handel: Juwelen, Rosine, Safran. Verben: logieren, regieren, parlieren (später zu Polier!), turnen, feien. Adjektiva: fein, rund. Suffixe: -ie > ei (Bsp.: Fischerei, Zauberei), -lei (Bsp.: Vielerlei, Allerlei). deutsche Wortbildungen: z. Bsp. Amourschaft. Lehnbedeutung: höfisch < courtois, knappe (NB: unverschobene Verschlusslaute). Roß < mhd. ros, ors < ahd. (h)ros, as. hros aus g. *hrussa- n. auch: afr. hors, hars, hers.
Als Abschluss der VO liest Schrodt einen Auszug aus dem Meier Helmbrecht vor (V. 599-648 in der Ausgabe: Wernher der Gärtner: Meier Helmbrecht. Versnovelle aus der Zeit des niedergehenden Rittertums. Übertragen von Johannes Ninck. - Stuttgart: Reclam 1952. (= RUB. 1188.)). Darin wird der heimkehrende Sohn von Vater, Mutter, Schwester und Knecht nicht erkannt, weil er eine andere Sprache spricht. In späterer Folge des Werkes wird diese Szene ein triftiger Grund sein, warum Helmbrecht nicht wieder zu Hause aufgenommen wird. Daher: Meier Helmbrecht, "das erste sprachpuristische Werk" (Schrodt).
#6, Mi., 03.05.2000, Hörsaal 30 des Instituts für Germanistik
[Fortsetzung von II. Lauf durch die Geschichte des Fremdworts]
F. Frühbürgerliche Zeit
Ab Mitte 13. Jh. ist ein Rückgang des Rittertums und der damit verbundenen Kultur festzustellen. Gleichzeitig verliert sich auch der französische Einfluss auf den dt. Sprachraum, die Entlehnungen nehmen ab und die zuvor übernommenen Fremdwörter verschwinden z. T. wieder aus dem dt. Sprachgebrauch bzw. aus der dt. Dichtung. Wenn es zu Neuentlehnungen kommt, so sind diese keine frz. Wörter mehr. Es zeigt sich sogar eine Tendenz zur Verspottung und Geringachtung des im Rittertum verehrten Französisch.
Die Bezeichnung dieses Abschnitts der dt. (Sprach)Geschichte als Frühbürgerliche Zeit geht auf Peter von Polenz zurück. Er begründet sie mit dem steigenden Einfluss des Bürgertums, das zur kulturtragenden Schicht emporsteigt. Weiters kommt es zu einer Osterweiterung des dt. Sprachgebiets, größere Städte entstehen, Handel und Verkehr nehmen zu. Damit einher geht eine verstärkte Schriftlichkeit: Während sie zuvor von der Geistlichkeit und dem Adel (meist als Gönner o. Ä.) dominiert worden ist, bedienen sich nun auch Bürger (also Kaufleute, Handwerker usf.) des Mediums Schrift. Bildung und literarische Tätigkeit sind nicht mehr Vorrecht des Adels und der Kirche. In den Dichtungen des Bürgertums treten verstärkt mundartliche Merkmale hervor, weshalb diese Texte teils schwieriger zu lesen sind als mhd. Texte aus der Zeit des Rittertums. Denn die Dichter des Rittertums versuchten, mundartliche Elemente möglichst auszuklammern und entwickelten in ihren Werken übermundartliche Züge. (Die frühere Forschung sprach von einer mhd. Dichtersprache.)
Auch die Rezeption der Literatur wandelt sich: Der mündliche Vortrag wird tendenziell von dem Lesen verdrängt. Bzgl. des Wortschatzes werden mhd. Wörter teilweise durch neue ersetzt; so etwa dicke > oft, michel > groß, höfesch > hübsch. Neue (meist volkstümliche) Literaturformen entstehen: Volksschauspiel, Volksbühnen, Historien, Schwänke, Legenden u. a.
Im liturgischen Bereich dominiert jedoch nach wie vor das Latein als amtliche Sprache der Kirche. Bis heute erhalten haben sich daher die biblischen Termini Absolution, Diakon, Chor, Sakristei, Talar, Testament usf. In der zweiten Hälfte des 15. Jh. untersagt der Mainzer Erzbischof die Bibelübersetzung, da die dt. Übersetzung nie die gesamte Tragweite des Werkes transportieren könne. Damit bestärkt er sowohl die Vormachtstellung des Lateinischen als auch die der des Lateins mächtigen.
G. Humanismus - "Dritte lateinische Welle"
Die frühesten humanistischen Tendenzen machen sich in Italien bemerkbar. Der eigentliche Frühhumanismus beginnt jedoch in Wien. Als bedeutende Persönlichkeit ist Enea Silvio Piccolomini zu nennen, der 1437 im Dienst des Kaisers nach Wien kommt. Er wird später als Pius II. Papst werden. Zentren des Humanismus in der zweiten Hälfte des 15. Jh. sind Straßburg, Basel und v. a. Heidelberg. Während des Humanismus wird das Deutsche vielfältig durch andere Sprachen beeinflusst und modifiziert:
1. Latein (und Griechisch)
Das Latein ist die Sprache der Humanisten. Zudem ist sie institutionalisiert als Sprache der Verwaltung und der Rechtssprechung, wodurch sie über die Jahrhunderte erhalten blieb. In der Literatur erlebt das Latein im 15. Jh. einen Höhepunkt. Um 1500 sind 90 Prozent der Bücher in lat. Sprache abgefasst, 1570 sind es immerhin noch 70 Prozent. (1680 beträgt der Anteil nur noch 50 Prozent und sinkt in der Folge weiter auf 28 Prozent 1740 und 17 Prozent 1770.) Latein dient als Unterrichtssprache und wird für die gebildete Schicht beinahe eine zweite Muttersprache. (NB: Bis zur Jahrhundertwende 19./20. Jh. finden sich in Wien vereinzelt lateinische Dissertationen!) Mit der Einführung des Latein als Gelehrtensprache grenzt sich die gebildete Schicht (homines literati) von den Ungebildeten (homines illiterati) ab. Die Sprache dient der sozialen Differenzierung und als Prestigesymbol.
Die intensive Beschäftigung mit und Hochstilisierung des Latein(s) motiviert aber auch eine große Anzahl von Übersetzungen aus dem Lateinischen ins Deutsche, um den ungebildeten Nichtlateinern die humanistischen Grundideen zu vermitteln. Je nachdem ob die jeweilige Übersetzung eine sinngemäße (de sensu) oder eine wörtliche (de verbo) ist, entstehen aus den lat. Fachtermini Lehnwörter (lat. Wörter werden samt Flexion übernommen, also eigentlich Fremdwörter nach Polenz) oder Lehnübersetzungen. Teilweise kommt es zu Zwillingsformen wie Red - Oration. Wegen der grundsätzlichen Annahme der Wortarmut und der sprachlichen Schwäche des Deutschen sowie der Tendenz zur Originaltreue überwiegt die wörtliche Übersetzung. Auch der Satzbau des Lateinischen wird z. T. auf das Deutsche übertragen. Im Hintergrund dieser Aktivitäten steht also eine Sprachpflege- und eine bildungspolitische Absicht. Besonders deutlich erscheint die Sprachmischung bei den Tischreden Luthers: "spiritus sanctus setzt mortem ein ab poenam." Auch satirische Texte zur Sprachmischung werden verfasst.
Peter von Polenz charakterisiert das humanistische Neulatein als Folge einer sprachpuristischen Erstarrung. Die Fremdwörter und die zugehörige, beibehaltene Fremdflexion werden zur akademischen Statussymbolik. Auch heute noch sind sie Teil des bürgerlichen Prestigedenkens. Bsp.: Thema - Themata, Atlas - Atlanten, Tempus - Tempora, Index - Indizes, Rhema - Rhemata, Schema - Schemata. Dieses bildungsbürgerliche Privileg blockiert heute die Aufnahme und die Eingliederung neuer Fremdwörter ins Deutsche.
Zurück zum Humanismus: Bei manchen (lat.) Wörtern kam es zu Mehrfachentlehnungen: So wurde lat. marmor bereits im 8. Jh. zu ahd. marmul, murmel später mhd. marmel (heute Murme') entlehnt. Im 16. Jh. fand eine Relatinisierung statt zu Marmor. Ähnliches gilt für Meister - Magister und Pfalz - Palast - Palais (in dieser Reihenfolge; > lat. palatium 'fürstliche Wohnung auf dem röm. Hügel palatin'). Man spricht von Dissimilation. Eine andere Erscheinung des Latein-Euphorismus ist die etwa bei Wimpfeling anzutreffende lat. Flektierung dt. Substantive (Ende 15. Jh.). Nicolas von Wyle stellt fest, dass nur lat. Formen im Stande seien, Zierlichkeit, Höflichkeit usf. wiederzugeben.
Weil die lat. Sprache ein Statussymbol ist, werden auch Namen latinisiert bzw. graecisiert: Claudius, Julius, Cornelia, Hector, Desiderius, Erasmus von Rotterodamus, aus Jost wird Justus, Martin > Martinus. Wenn es möglich ist, wird übersetzt: Weber > Textor, Bauer > Agricola, Hund > Canisius. Teilweise werden auch nur lat. Suffixe angehängt: Busch > Buschius, Vogelius, Käskorb > Cascorbi. Hie und da schleichen sich Fehler ein: Schwarzer wird (fälschlich) interpretiert als Schwarz-Erd(e) und übersetzt als Melanchthon.
Neben dem dominierenden Latein wird auch das Griechische zu einer Sprache der Bildungselite, obwohl es im MA fast völlig in Vergessenheit geraten war und erst im 14. Jh. teilweise in Italien wieder bekannt wurde. Sprachkenntnisse des Griechischen dienen allerdings in erster Linie dem Verständnis der griechischen Texte. Es wird bei weitem nicht so einflussreich wie Latein (Griechisch wird keine akademische Amtssprache). Doch auch Griechisch wird ein prestigeträchtiges Symbol für die Zugehörigkeit zu einer gebildeten Oberschicht. Aus dem Griechischen übernimmt das Deutsche z. B. bestimmte Schreibformen (th, ph, rh; wiederholt [und zu Recht!] Angriffspunkt von Rechtschreibreformern. Das h geht auf den griech. spiritus asper zurück; die Antike als Statussymbol). Hinsichtlich der Aussprache werden griech. Formen assimiliert; Bsp.: Hydrozephalus. Dass Latein die bestimmende Sprache ist, zeigt sich nicht zuletzt an der Latinisierung von griech. Entlehnungen: griech. anonymos > lat. anonymus > frz. anonyme, griech. gymnásion 'Übungs- und Ausbildungsstätte' > dt. Gymnasium. Weiters kommt es zu Regraezisierungen; beispielsweise wird frz. fantôme zum Phantom, obwohl dieses Wort im Griechischen nicht existent ist.
Ein Sprachbereich, der besonders viele antike Wörter aufnimmt, wird von den Sprachhandlungsverben gebildet: deklamiren, definiren, diktiren, disputiren, memoriren, räsonniren, referiren, konferiren. Sie werden aber vorerst in ihrer urspr. Bedeutung verwendet.
2. Französisch (und Italienisch)
Nachdem während der Frühbürgerlichen Zeit kaum frz. Entlehnungen zu verzeichnen waren, kommt es ab 1500 und verstärkt ab 1560 wieder zu mehr frz. Lehnwörtern im Deutschen: Kriegswesen: Admiral, Artillerie, Bresche, Leutnant, Kapitän, Truppe; Wirtschaft und Verkehr: Journal etc.; Verwaltung und Politik: Pass, Patriot, Renegat, Revolution; Geselligkeit und Ethik: Courage, delikat, Diskretion, Lakai, Kurtisane, Rivale, Robe; Architektur, Kunst, Literatur, Musik: Farce, Garderobe, Klavier, Posamentrie 'Sammelbezeichnung für Waren, die als Besatz für Kleidung verwendet werden, z. B. Borten, Schnüre, Quasten, Litzen, Bänder' u. v. a. Manche Entlehnungen werden durch die Dominanz des Lateins latinisiert: frz. formel > formell > Formalität, nervös > Nervosität; die Suffixe der Substantive sollen ans Latein erinnern. Aus dem Französischen stammt außerdem die Endbetonung der Wörter Herodót, Homér, Kritík und Politík.
Italienische Fremdwörter können heute dazu dienen, die österreichischen Eigenheiten im Vergleich zu den übrigen dt. Sprachen (bzgl. des Wortschatzes) zu spezifizieren, da sie z. B. in Deutschland nicht vorkommen. Sie stehen oft synonymen frz. Entlehnungen gegenüber, wobei die frz. Varianten meist mehr Prestige offerieren und tendenziell die italienischen verdrängen: Kassa - Kasse, Pomeranze (< it. pomo 'Apfel' und arancia 'bitter') - Apfelsine (< frz. pomme de Sine 'Apfel aus China'), Biskotte (< it. biscotte) - Biskuit (< Frz. < lat. bis coctus 'zweimal gebackenes Brot'), Marille (< it. armellino 'armenischer Apfel') - Aprikose (< Frz. < Span. < Port. < Arab. < Griech. < lat. praecoquum 'frühreif'), Melanzani - Aubergine (< Frz. < Kat. < Arab. < Pers.).
H. Weitere Entlehnungen im 15., 16. und 17. Jh.
Aus dem Italienischen sind entlehnt: Bankwesen (sämtliche 15. Jh.): Konto (< it. conta), Magazin, Bank (< it. banco), brutto (< it. brutto), Kredit (< it. credito), Kapital (< it. capitale), Bilanz (< it. bilancio 'Waage', 'Gleichgewicht'); Fernhandel: Kompass (< it. compasso; 15. Jh.), Post (< it. posta; 16. Jh.), Strapaze (< it. strapezzo; 17. Jh.), Pirat (< it. pirata; 15. Jh.); Kriegswesen: Alarm (< it. alarme; 15. Jh.), Bastei (< it. bastione; 17. Jh.), Proviant (< it. provianda; 15. Jh.); Speisen und Küche: Bankett (< it. banchetto; 15. Jh.), Kartoffel (< it. tartuficolo; 17. Jh.), Porzellan (< it. porzellana; 15. Jh.), Marzipan (< it. marzapane; 16. Jh.), Pasta (< it. 'Teig'); Literatur und Musik: Satz- und Tempobezeichnungen, z. B.: Pasticco 'zu betrüger. Zwecken in der Manier eines Künstlers gemaltes Bild oder aus den Werken verschiedener Komponisten zusammengesetztes Musikstück, bes. Oper od. Singspiel (mit neuem Libretto)'.
Die Fremdwörter aus dem Spanischen hängen eng mit den Entdeckungen zusammen (Columbus ff.): Guerilla (19. Jh.), Liga (15. Jh.), Flotille (16. Jh.), Kaskot 'Schiffsrumpf' (18. Jh.), Kork (16. Jh.), Zigarre (18. Jh.). Auch aus dem Spanischen wird die Anrede in der dritten Person übernommen; Fachterminus: Lehn-Pragmem.
Wörter aus dem Niederländischen werden v. a. im 17. Jh. ins Deutsche übernommen. Meist handelt es sich um Termini der Seefahrt, des Fernhandels oder des Wasserbaus: Schleuse, Düne, Werft, Kante, Stoff, Niete.
Bei einigen Entlehnungen entsteht eine Zweifachsuffigierung: Proportionierung - Proportion (< lat. proportio; 15. Jh.), Transportierung - Transport (< frz. transporter; 17. Jh.), Spekulierung - Spekulation (< lat. speculari), Studierung - Studium (< lat. studere), Zitierung - Zitat (< lat. citare). Die letzten drei Beispiele zeigen erneut, dass sich die eher ans Latein erinnernde Form durchsetzt.
Im 17., 18., auch noch 19. und 20. Jh. werden Wörter aus dem Hebräischen (über das Jiddische) entlehnt. Sie finden v. a. Eingang in die Sprache der Landstreicher, Hausierer, Rechtlosen und der Kriminellen. Die Gaunersprache Rotwelsch besteht z. T. aus hebr. Wörtern. Bsp.: chuzbe 'Dreistigkeit', flöten gehen, meschugge, mies, schäkern, Schlamassel.
Entlehnungen aus dem Slawischen sind relativ selten trotz des intensiven politischen Kontakts. Ortsnamen: Berlin, Feistritz; Familiennamen: Fritsche, Novak.
I. Absolutismus, bildungsbürgerliche Sprachkultivierung (17., 18. Jh.)
Französisch wird wieder Hofsprache, dementsprechend viele Lehnwörter stellen sich ein. Das Deutsche wird sogar vom Preußenkönig Friedrich II. in seinem Buch De la litterature allemande verspottet. Latein bleibt weiterhin die (amtliche) Wissenschafts- und Rechtssprache. Es herrscht eine alamodische Vielsprachigkeit der Oberschicht, die sich aus Deutsch, Latein, Französisch, Spanisch, Italienisch und im NW Europas auch aus Niederländisch zusammensetzt. Je nach Situation und Absicht wird eine andere Sprache verwendet. Zudem entsteht eine oberschichtliche Dreisprachigkeit, welche die drei Hauptsprachen Französisch, Deutsch und Latein umfasst. Durch das Reichssprachenrecht sind Deutsch und Latein seit dem Mittelalter die offiziellen Reichssprachen. Auf Reichstagen wird daher verlangt, dass anderssprachige Texte (so auch franz.) ins Lateinische oder ins Deutsche übersetzt werden. Bei zwei Reichstagen im 17. Jh. führt dies zu Streitigkeiten und Konflikten. Später nehmen die Bemühungen um die dt. Sprache zu: Von allen dt. Beamten wird gefordert, Deutsch zu beherrschen und 1687 wird die erste dt. Vorlesung angekündigt. Darin werden die Deutschen u. a. dazu ermahnt, die eigene Sprache besser zu erlernen; eine ähnliche Forderung formuliert Leibnitz (der selbst alle seine Werke in lat. oder franz. Sprache abfasst).
Trotzdem bleibt vorerst Französisch die bestimmende Sprache; Voltaire (um 1750 in Potsdam): "Ich bin in Frankreich. Man spricht nur unsere Sprache. Das Deutsche ist nur für die Soldaten und die Pferde."
#7, Mi., 10.05.2000, Hörsaal 30 des Instituts für Germanistik
[Fortsetzung von II. Lauf durch die Geschichte des Fremdworts, I. Absolutismus]
Als Gegenpol zum Alamode-Wesen, zur alamodischen Vielsprachigkeit und zur Sprachmengerei (v. a. Frz., Lat., Dt., Span., It.), steht der Versuch, Deutsch als Unterrichtssprache einzuführen. 1687 hält Christian Thomasius eine dt. Vorlesung und Leibnitz betont in einer Ermahnung an die Deutschen die Bedeutung der dt. Sprache. 1771 erscheint das erste Fremdwörterbuch, der Deutsche Dictionarius von Simon Roth. Die dominierende Sprache ist Französisch, sie wird von adeligen Erziehern, Briefstellern etc. verwendet. Im 18. Jh. werden mindestens 400 Lehrwerke zur frz. Grammatik in Umlauf gebracht. Sämtliche gesellschaftlichen Aktivitäten der oberen Gesellschaftsschichten sind eng mit dem Französischen und mit Frankreich (als Stilvorbild) verknüpft.
Der Einfluss des Französischen wird ebenfalls bestärkt durch die Hugenotten, die in Brandenburg leben (20000, 7000 allein in Berlin; ein Fünftel der Bevölkerung). Es entsteht generell ein partieller Bilingualismus, je nach Situation wird eine andere Sprache verwendet. Französisch nimmt insbesondere eine bedeutende Rolle in der Diplomatie ein. Erst in heutiger Zeit wird es aus dieser Position langsam aber doch vom Englischen verdrängt.
1. Funktionale Felder der französischen Lehnwörter
• Lehnwörter füllen oft eine Lücke im Wortfeld. Bsp.: Süßigkeiten: Praline, Likör; Kleider: Bluse, Plüsch; Farbadjektive: lila, violett, orange (Problem der Flexion; heute: Flexion eher möglich > oranges Kleid); sonstige: Balkon, Allee, Massage.
• Ein Fremdwort kann auch eine semantische Differenzierung offerieren: Resultat (institutionale Zusammenhänge, technisch-wissenschaftlicher Bereich; Bsp.: Resultat einer Rechnung) zu Ergebnis (eher nicht formale Zusammenhänge; Bsp.: Ergebnis einer Diskussion).
• Das Lehnwort bezeichnet einen engeren Bedeutungsgehalt als die dt. Entsprechung: Anekdote (spezifische Form der Geschichte, nämlich ohne erfundene Personen), servieren (in weniger Fällen möglich als bedienen), Gage (bestimmte Form des Gehalts), Atelier (nur Künstlerwerkstätten), Chanson (Liedgattung). Die Fremdwörter umfassen einen stärker eingeschränkten Bedeutungsbereich.
• Fremdwörter mit pejorativem Beigeschmack im Vergleich zum dt. Wort: miserabel zu elend, ordinär zu unfein bzw. gewöhnlich, Visage zu Gesicht, Bourgeoisie zu Bürgertum.
Lehnwörter sind also oft der eher wertende Terminus im Gegensatz zu den meist relativ neutralen dt. Entsprechungen. Ergo: Es gibt keine nicht notwendigen Fremdwörter! Die Funktion des Fremdworts kann unterschiedlicher Natur sein. Beispielsweise kann es der sozialen Maskierung dienen: Desert zu Nachspeise, Service zu Geschirr. Manchmal fällt es schwer, den Unterschied in Worte zu fassen: flanieren zu bummeln (während flanieren eher Freizeitverhalten, Relaxing, Auszeit, Zeitverschwendung impliziert, wird bummeln mit trödeln assoziiert; meint Schrodt).
Ebenfalls der sozialen Maskierung könnte man das Paar Parterre (in Bürgerhäusern, Universität usf.) - Erdgeschoß zuordnen. Warum überhaupt nicht 1. Stock statt Erdgeschoß oder Parterre gesetzt wird, erklärt sich (vermutlich) aus Bauvorschriften früherer Zeiten: Häuser in der Innenstadt sollten nicht mehr als drei oder vier Stockwerke hoch sein. Bsp.: Tiefparterre - Parterre - Mezzanin - Hochparterre usf. > kein Stockwerk statt vier Stockwerke.
2. Bedeutungsveränderungen bei der Entlehnung
Eine Statistik gibt 726 Entlehnungen (frz.???) für das 17. oder 18. ??? Jh. an. Nur bei 190 bleibt die ursprüngliche Wortbedeutung erhalten. Bsp.: Adresse (eigentl. 'Richtung', als FW nur 'Anschrift' u. a.), adrett ('gefällig', eigentl. adroit 'passend'), Karriere (eigentl. 'Rennbahn'; 'Fahrt'; < frz. carrière < it. carriera 'Fahrstraße' < mlat. carraria 'Fahrstraße' < gallolat. [Kluge: lat.] carrus 'Wagen', 'Karre'), Etüde (eigentl. 'Studie'), Tournee (< frz. tour 'Drehung'; 'Wendung'), blond, Esprit (eigentl. 'Geist', als FW mit intellektuellem Konnotat), Liaison (eigentl. 'Verbindung', als FW 'erotische Verbindung').
Mehrere frz. Entlehnungen bekommen ein Konnotat, das auf die Oberschicht (die Französisch spricht) verweist; Französisch als Prestigesprache: Bonvivant, Affaire, Etablissement, frivol. Eine Bedeutungsverbesserung ist festzustellen bei Collier (nicht irgendeine Kette), Restaurant (nicht irgendein Gasthaus, sondern ein gehobenes), Malheur, Filou (beide verharmlosend).
Eine eigenartige Bedeutungsverschiebung ist bei folgenden Wörtern zu beobachten: Souterrain (eigentl. 'unter der Erde', im Frz. als 'Stollen', 'Tunnel', 'Durchstich'; als FW 'Kellergeschoß'), prägnant (eigentl. 'schwanger', 'befruchtet', 'trächtig'), Vatermörder (frz. parasite 'Mitesser', auch verwendet für steifen Stehkragen mit Ecke (Essen kann hineinfallen oder hängen bleiben) > Misserverständnis > parricide > Lehnübersetzung zu Vatermörder).
3. Aussprache - Grad der Integration von Fremdwörtern, Betonungsverhältnisse
An der Aussprache der Fremdwörter ist im Allgemeinen der Grad der Integration ablesbar. Ein Beispiel wäre die frz. Nasalierung, die in Österreich kein Problem für den Sprecher darstellt. Deutsche Bundesbürger hingegen haben mit diesem für sie unüblichen Sprachgebrauch zu kämpfen. Man unterscheidet bzgl. der Integration in Nicht-, teilweise und totale Integration. Beispiele für totale Integration wären: blond, Tampon, Rampe, Balkon. Partiell integriert ist Gage als; der stimmhafte Sibilant entspricht nicht der korrekten frz. Aussprache.
Die Betonungsverhältnisse in Fremdwörtern stellen oft Ausnahmen zu den Betonungsnormen im Deutschen dar. Es gilt: Die letzte schwere Silbe erhält den Hauptton, wobei eine schwere Silbe entweder sein kann ein Langvokal, ein Diphthong oder ein Kurzvokal mit zwei Konsonanten. Man erhält daher: Amnestíe, Horizónt, Álibi. Ein etwas komplizierterer Fall ist das Wort Ingenieuer. Das aus it. ingegnere 'Kriegsbaumeister' stammende Wort lautet im Französischen ingénieur (vgl. lat. ingenium 'Fähigkeit', 'Talent', 'geistreiche Erfindung' usf. < ingignere 'hervorbringen'). Trotzdem ist die frz. Aussprache unüblich. Der Duden schlägt vor, das Österreichische Wörterbuch "scheniör" (doch das apikale r scheint eher unwahrscheinlich).
4. Sprachpuristische Haltung zu den frz. Einflüssen
Besonders kritisiert wurden (und werden) die hybriden Bildungen bei Fremdwörtern, die als unrechtmäßig abgetan werden. Hybride Bildungen sind Zusammensetzungen, deren Einzelteile aus verschiedenen Sprachen stammen. Diese Kritik wirkt aber wenig sinnvoll, weil hybride Bildungen zum Wesen einer jeden Sprache gehören. Bsp.: unmodern, übersensibel, Exgatte, entmilitarisieren, Abendtoilette, Nationalgefühl ("das Nationalgefühl ist eine hybride Bildung"); besonders beliebter Verbsuffix ier: hofieren, hausieren, integrieren, parlieren usf., wobei durch weitere Suffixe wieder neue Wörter entstehen können. Bsp.: Hausierer.
Ebenfalls ein sprachpuristischer Begriff ist der der Scheinentlehnung. Bsp.: (heutiges Deutsch) Handy; (damals) Blamage, Exporteur, Installation, Raffinesse, Adressat, bandagieren, Dressur. Das Vorbild für die Entlehnung ist in der anderen Sprache nicht existent. Ein etwas komplizierter Fall ist der Friseur: coiffeur ist das frz. Wort für diesen Beruf. Frz. friser hingegen meint 'kräuseln', 'eine Kleidung mit Rüschchen oder Krausen versehen'. Diese Bedeutung erinnert an eine Bilanz frisieren im Sinn von 'beschönigen'. Die übliche Etymologie für frisieren (von Haaren) verweist über nndl. friseren auf frz. friser [so auch im Kluge]. Vom frz. Wort aus kann eine germ. Wurzel angenommen werden. Auch coiffeur stammt vielleicht aus dem Germanischen. Weiters gibt es gewissermaßen ein mögliches lat. Vergleichswort in lat. frigere 'backen', 'braten' (Fleisch "kräuselt" sich möglicherweise beim Backen). Jedenfalls gibt es Ende 17. Jh. zwei Formen: Friseur und Frisierer; die frz. setzt sich durch. Friseur könnte auch mit Fries 'krauses Wollzeug', auch 'Wandverputz' etymologisch verwandt sein. Sogar ein Zusammenhang mit den Friesen (Haben Friesen gekräuseltes Haar?) kann nicht ausgeschlossen werden, scheint aber doch eher sehr unwahrscheinlich.
Kritik am Alamode-Wesen kommt auf jeden Fall von verschiedenen Seiten und auf verschiedene Arten. Johann Rist beschwert sich über die Fremdwörter, die sogar von Spinnmägden und Knechten statt dem Deutschen verwendet würden. Christian Thomasius argumentiert ähnlich: Das ganze niedere Volk, Schuster, Schneider, Kinder, Gesinde, spricht bereits französisch. Herder äußert sich 1793 in seinen Briefen zur Beförderung deutscher Humanität etwas differenzierter zur Problematik: Nicht die Sprache ist für die politischen Verhältnisse verantwortlich, sondern sie ist nur eine Folge (nicht die Ursache!) der kulturellen Zustände.
5. Exkurs: Integration von Fremdwörtern
Diese nimmt im Lauf der Zeit zu. Während im 17. Jh. etwa noch piquant geschrieben wird, heißt es heute pikant. Ähnlich: süffisant, schikanieren. Die originale Schreibung hat sich aber bewahrt in beispielsweise Voyeur, Redactrice und OEvre. Verschiedene Möglichkeiten der Realisierung bieten Parvenü oder (österr.) Parvenu und die Konfitüre. Vor der Rechtschreibreform standen Dekolleté und Komitee einander widersprechend gegenüber. Zuletzt wird noch Belletristik erwähnt; ein Wort, das eigentlich falsch geschrieben wird (frz. lettres).
J. Entlehnungen aus dem Englischen
Die Fremdwörter, die aus dem Englischen übernommen werden, hängen eng mit den dortigen politischen Verhältnissen zusammen: 1649 wird Karl I. im Zuge der Revolution hingerichtet, es folgt ein kurzer Abschnitt unter Oliver Cromwell, eine freiheitliche politische Struktur entsteht. Die ersten Fremdwörter stammen oft aus dem Wortfeld des Empirismus oder des Manufakturwesens. Bis ins 18. Jh. allerdings nimmt Englisch eine eher nebenrangige Stellung in der europäischen Sprachlandschaft ein. Sprechen Engländer mit Gelehrten, so wird Latein gesprochen, sprechen sie mit Hofleuten, so wird dem Französischen der Vorzug gegeben. Göttingen und Hamburg sind die Zentren des englischen Sprachkontakts. Zum Englischen erscheinen weit weniger Grammatiken als zum Französischen (s. o.). Goethe konnte relativ gut Englisch, weil er und seine Schwester einen vierwöchigen Intensivkurs bei einem vorbeiziehenden Englischlehrer nahmen.
Bedeutend wird die engl. Sprache erstmals zur Zeit der Empfindsamkeit durch den Ossian, Goldsmith, Milton, Fielding u. a. Im Wörterbuch von Adelung (1780er) gibt es aber noch kein einziges engl. Wort. Früh entlehnt (vor 1740) werden Akte, Plantation, Puritaner, Parlament, Punsch, Komitee, Rum, elektrisch, zwischen 1740 und 1750 Nonsense, Pantheismus, Ticket, ab 1750 folgen City, Club, Closet, Bankomat, Meeting, Mob, Nationalcharakter, negativ, positiv, Roastbeef, Ventilator, Virtuose. Die meisten Entlehnungen fallen somit in den Bereich der Politik, der Technik und des Handels. Unter den Fremdwörtern finden sich zahlreiche einsilbige Wörter, die auf Grund ihrer Prägnanz einen Vorteil gegenüber komplizierten längeren Wörtern haben. Ebenfalls viele Entlehnungen fallen in den Bereich Schifffahrt: Brise, Stuart, Log, Schoner; hier gibt es bereits sehr frühe Entlehnungen: Boot (< 13. Jh.), Lootse (< 14. Jh.), Dock (< 1436).
Häufig sind auch Lehnprägungen (= Lehnformungen): Lehnübersetzungen: Blitzableiter < lightning conductor, Freimaurer < free mason, Kaffeehaus < coffee house, Volkslied < popular song, Zeitgeist < genius of the time; Lehnübertragung: Tatsache < matter of fact; auch einzelne Wendungen: Zahn der Zeit, tote Sprache, zweites Gesicht (viele von Shakespeare); Lehnbedeutungen: Held 'Hauptperson eines Dramas' < hero, Blaustrumpf 'gelehrte Frau' (< 17. Jh.; vorher 'Spitzel'), Magazin als 'Zeitschrift', Laune 'Heiterkeit' (vorher 'Gemütszustand', 'Temperament') < engl. humour (vgl. lat. 'Feuchtigkeit', mal. Säftelehre); Plurale von Abstrakta: Empfindlichkeiten, Zärtlichkeiten, Artigkeiten; Bildungen mit selbst-: Selbstbedauern, Selbstgenügsamkeit; ganz in der Bedeutung "Sie war ganz Goethe".
III. Sprachpurismus
A. Bewegungen zur Sprache historisch betrachtet
1. 17. Jahrhundert
Das Ziel, das sich sämtliche Sprachvereine u. a. setzen, ist die Kultivierung der dt. Sprache. Die zu Grunde liegende Überzeugung ist, dass auch das Deutsche als Literatur- und Nationalsprache seine Geltung hat. Der Sprachpurismus richtet sich daher nicht nur gegen Fremdwörter, sondern gegen sämtliche anstößige, veraltete und regionale Formen. Betrachtet wird neben dem Wortschatz auch die Grammatik, die Schreibung von Wörtern, die Aussprache usf. Frühe Formen des Sprachpurismus sind nicht unbedingt nationalistisch orientiert. Im Zentrum steht der Kulturpatriotismus, der aber zuerst mit einem antikaiserlichen Aspekt verbunden ist; z. B. wegen der Ablehnung des Lateins.
Grundsätzlich wird die Grundrichtigkeit der dt. Sprache angenommen und die Fähigkeit des Deutschen zur Haupt- und Heldensprache. Schottelius meint, eine Änderung der Sprache evoziere zwangsweise eine Änderung der Sitten. Er verkehrt somit das tatsächliche Kausalitätsverhältnis (das Herder richtig erkannt hat, s. o.) ins Gegenteil. Die dt. Sprache jedenfalls soll nützlich sein für Konversation und Politik und wird wegen ihrem Wortreichtum den drei heiligen Sprachen (Hebräisch, Griechisch, Latein) als gleichwertig angesetzt. Der große Wortschatz resultiert aus den eben zu dieser Zeit entdeckten Wortbildungsmöglichkeiten.
Es kommt zu Versuchen, das hohe Alter der dt. Sprache zu belegen; z. B. von Gueintz (Aussprache mit w) in seiner Sprachlehre von 1641: Das Deutsche stamme direkt aus dem Hebräischen und sei nach der babylonischen Sprachverwirrung von Tuiscon, dem ersten dt. König, und dessen Sohn Mannus nach Deutschland gebracht worden. Gueintz bezieht sich dabei auf eine These des bayerischen Hofhistoriographen Johannes Aventinus (eigentl. Turmair) von ca. 1520. Dieser wiederum scheint die germ. Entstehungssage, wie sie Tacitus in seiner Germania beschreibt, zu ernst genommen zu haben. Tacitus nimmt die Germanen als Ureinwohner an und impliziert somit ein "reines Germanentum". (Der Name Germanien bedeutet 'trostlos'.) Tuisto ist der Gott, der quasi aus sich den Sohn Mannus, den Stammesvater aller Germanen, gebirt. Mannus hat selbst wieder drei Söhne, aus denen die Stämme Ingaevones, Istaevones und Herminones hervorgehen. Dem Entstehungsmythos liegt ein archetypisches Schema zu Grunde, wonach ein Gott aus sich einen Sohn gebirt, der Gott also ein Zwitter ist. Vgl. Tuisto und die etymologisch verwandten Wörter Zwitter, Zwist, zwei.
#8, Mi., 17.05.2000, Hörsaal 30 des Instituts für Germanistik
[Fortsetzung von III. Sprachpurismus, A. Bewegungen zur Sprache historisch betrachtet, 1. 17. Jahrhundert; teilweise WH von #7]
Justus Goerg Schottel(ius) war einer der bedeutendsten Vertreter der puristischen Strömungen des 17. Jh. U. a. vertritt er seine Ansichten in dem Werk Ausführliche Arbeit von der teutschen HaubtSprache (1663). Das Deutsche wird (durch den Ausbau der Ideen Tacitus') als eine Art reine Ursprache betrachtet. Ein weiterer Bezugspunkt neben der Germania ist Karl der Große, der eine dt. Grammatik in Auftrag gegeben hatte. Alle diese Überlegungen sind natürlich in Hinblick auf die Sprache der Meister der Dichtkunst und der Gelehrten entstanden. Vom allgemeinen Sprachgebrauch sind sie denkbar weit entfernt. Außerdem ist zu beachten, dass Schottel nicht nur Fremdwörter aus dem Deutschen verbannt sehen will, sondern generell Beliebigkeiten, Unregelmäßigkeiten und Undeutlichkeiten der Sprache ablehnt. Der Grund, dass der dt. Sprache plötzlich die Fähigkeit zugestanden wird, als vollwertige Sprache auch Gelehrten und den oberen Gesellschaftsschichten zu dienen, ist die Entdeckung der Wortbildungsmöglichkeiten des Deutschen. Der Vorwurf an die dt. Sprache (beispielsweise zur Zeit des Humanismus), sie könne die vielen feinen Bedeutungsnuancen etwa des Lateinischen nicht wiedergeben, verliert seine Relevanz. Mit dem Deutschen ist man nun im Stande, nach Belieben und nach Notwendigkeit Wörter zu erzeugen.
Im 17. Jh. entstehen zahlreiche Sprachgesellschaften, die sich der Pflege der dt. Sprache widmen. Die bedeutendste ist die Fruchtbringende Gesellschaft (1617-1680; auch Palmenorden), gegründet in Weimar von Fürst Ludwig von Anhalt-Köthen nach dem Vorbild der italienischen Accadèmia della Crusca. Mitglieder sind u. a. Schottel, Martin Opitz, Georg Philipp Harsdörffer, Friedrich von Logau, Andreas Gryphius und Philipp von Zesen (s. u.). Weitere Sprachgesellschaften des 17. Jh. sind: die Teutschgesinnte Gesellschaft (1643-1708; gegründet von Zesen; Harsdörffer, Moscherosch), der Pegnesische Blumenorden (auch Pegnitzschäfer u. a.; gegründet 1644 von Harsdörffer und Klaj; Katharina Regina von Greiffenberg; besteht angeblich noch), der Elbschwanenorden (gegründet 1658 von Johann Rist als Konkurrenz zur Teutschgesinnten Gesellschaft), die Aufrichtige Tannengesellschaft (gegründet 1633 in Straßburg; Weckherlin). Die Mitglieder der Sprachgesellschaften stammen meist aus der Schicht des Bildungsbürgertums, viele werden im Verlauf ihres Lebens geadelt. Es finden sich keine Geistlichen in den Sprachgesellschaften, womit konfessionelle Streitigkeiten ausgeklammert wurden. Die Mitglieder wurden mit sprechenden Vereinsnamen (der Suchende, der Nährende, der Schmackhafte u. v. a.) versehen. Vorbilder der Sprachgesellschaften waren ähnliche Vereine in den Niederlanden und in Italien. Die Sprachgesellschaften verpflichteten sich der Förderung der dt. Sprache (z. B. des Obersächsischen) und damit auch der dt. Tugenden. Die Leistungen der Sprachgesellschaften fallen aber weniger in den spezifisch sprachwissenschaftlichen Bereich.
Philipp von Zesen ist (ein Vielschreiber und) einer der extremsten Fremdwortpuristen dieser Zeit. Einige Bsp. seiner Vorschläge zur Eindeutschung von Fremdwörtern: Distanz - Abstand, Adresse - Anschrift, Moment - Augenblick, Bibliothek - Bücherei, Projekt - Entwurf; es zeigt sich bereits: die Fremdwörter sind im Lauf der Zeit nicht ersetzt worden, sondern das dt. Pendant erlaubte eine zusätzliche semantische Differenzierung. Die Fremdwörter haben sich oft im Bereich der Verwaltung durchgesetzt. Die Liste wird fortgesetzt: Horizont - Gesichtskreis, Konfession - Glaubensbekenntnis, Fundament - Grundstein, Passion - Leidenschaft, Dialekt - Mundart, Orthographie - Rechtschreibung; weitere Bsp. (nur noch der Eindeutschungsvorschlag) Tagebuch, Trauerspiel, Verfasser, Wahlspruch. Neben diesen erfolgreichen Eindeutschungsversuchen stehen nicht geglückte: Altar - Gottestisch, Rauchtisch, Räuchertisch (vermutlich nicht durchgesetzt, weil mehrere Vorschläge), Anatom - Entgliederer, Botaniker - Krautbeschreiber, Natur - Zeugemutter, Nase - Gesichtserker, Fenster - Tageleuchte, Kloster - Jungfernzwinger; Gründe für das Misslingen dieser Versuche: s. u. (pejorativer Charakter des Ersatzwortes, Versuch, ein bereits ins Deutsche eingegliedertes Wort zu ersetzen). Zesen erregt mit seinen Ambitionen Aufsehen, evoziert aber auch Ermahnungen (z. B. von Ludwig von Anhalt-Köthen) und Spott (Rist).
Historisch betrachtet liegt der Verdienst der Bestrebungen des 17. Jh. im Erwecken des sprachkritischen Bewusstseins und in der Entdeckung der Wortbildungsmöglichkeiten.
Der Aufklärung wird kein eigenes Kapitel gewidmet. Erwähnt werden lediglich Leibnitz, der sich zum Thema dt. Sprache in der Ermahnung an die Deutschen (1682/83) und anderen Werken äußert, und Friedrich I., der um 1700 eine (deutsche) Sozietät der Wissenschaften gründen will, jedoch scheitert.
2. Johann Heinrich Campe, sein Verdeutschungswörterbuch und warum bestimmte Verdeutschungen nicht angenommen wurden (nach Daniels)
Neben einigen anderen Werken Campes zur dt. Sprache erscheint 1803 in zwei Bd. das Wörterbuch zur Erklärung und Verdeutschung der unserer Sprache aufgedrungenen fremden Ausdrücke (2. Aufl. 1813). Einige Wörter als Bsp.: altertümlich, auswerten, befähigen, dienstunfähig (statt invalid), einschließlich, Erdgeschoß, fortschrittlich, Gewaltherrschaft, Kerbtier (statt Insekt), Kleinhandel, Lehrgang, Mannweib (statt Amazone), Örtlichkeit, Randbemerkung (statt Glosse), Verweltlichung, Zartgefühl, Zerrbild (statt Karikatur).
Doch auch von seinen Vorschlägen haben sich viele nicht im Sprachgebrauch behaupten können. Daniels hat sie in acht Kategorien eingeteilt:
(1) Fremdwörter, die längst eingebürgerte Lehnwörter sind, lassen sich nicht mehr verdrängen. Daher scheitert: Dame - Ehrenfrau, Kanal - Kunststrom, Altar - Kirchentisch, Pore - Schweißloch, Kultur - Geistesanbau, Zensur - Zeitschriftenschau.
(2) Fremdwörter, die als Fachtermini verwendet werden, können nur unzureichend durch eine dt. Entsprechung ihrer ursprünglichen Bedeutung ersetzt werden, weil sie semantisch modifiziert worden sind. Bsp. aus dem heutigen Dt.: Subjekt und Prädikat sind nicht: 'was der Aussage zu Grunde liegt' und 'Rangbezeichnung' (Wahrig. Fremdwörterlexikon. - München: Bertelsmann 1999), sondern Satzglieder. Die Etymologie ist unbrauchbar und irreführend und kann nicht als Grundlage für die Konstruktion eines dt. Pendants herangezogen werden. Bsp. aus Campes Wörterbuch: Revisor - Nachrechner, Repertoire - Schauspielsammlung, Anatomie - Zergliederungskunst.
(3) Fremdwörter, die bestimmte Dinge/Sachen aus der fremden Kultur bezeichnen, besitzen fast (nicht ganz) Eingennamencharakter: Harem - Weiberhof, Amulett - Zaubergehänge, Pyramide - Spitzgebäude, Mumie - Dörrleiche.
(4) Tendenziöse Ersatzwörter werden abgelehnt: Katholik - Zwangsgläubiger, Protestant - Freigläubiger (unschwer zu erraten ist Campes Konfession), Soldat - Menschenschlachter, Dialektiker - Streithold.
(5) Das Ersatzwort (das auf die ursprüngliche Bedeutung des Fremdworts Bezug nimmt) ist fehlmotiviert wegen einer Veränderung des Sachbereichs, den das Fremdwort abdeckt: Ingenieur - Kriegsbaumeister, Chemie - Scheidekunst, philologisch - altgelehrt.
(6) Ersatzwörter, die "Zerbesserungen" sind, weil bereits übliche Verdeutschungen bestehen. Bsp. (in der Reihenfolge: FW - übliche Verdeutschung - Zerbesserung Campes): Pendant - Gegenstück - Seitenstück, Kontinent - Festland - Erdfeste, Omen - Vorbedeutung - Vordeutung.
(7) Die Ersatzwörter sind zu lange und daher nicht praktisch. Heute trifft dies für viele Eindeutschungsversuche zu Anglizsmen zu, weil letztere durch Kürze bestechen. Bei Campe: Charakteristik - Persönlichkeitsbezeichnung, Parodie - Spottnachahmung, Elektrisierung - Blitzfeuererzeugung, Missionar - Belehrungsgesandter, Obelisk - Denkspitzsäule.
(8) Der Begriffsinhalt des Ersatzworts ist entweder zu eng oder zu weit im Vergleich zu dem des Fremdworts: Hypothese - Vagesatz, Quarantäne - Gesundheitsprobe, Logik - Denkkunst, Katechismus - Fragebuch.
B. Sprachpurismus heute - Gegenwart und Zukunft
Die diesem Kapitel zu Grunde liegende Fragestellung ist, welche heutigen Fremdwörter durch vorgeschlagene dt. Wörter ersetzt werden könnten und welche Vorschläge zur Ersetzung wohl eher fehlschlagen werden. Als Parole formuliert beschäftigt sich dieser Abschnitt der Vorlesung mit der Situation im Jahr 2010. Es bietet sich dabei an, auf die verschiedenen Vorschläge die Kategorisierung Daniels' anzuwenden. Wenn sie zutrifft, wird die vorgeschlagene Entsprechung wohl eher nicht wirksam werden.
1. Einige Beispiele aus Vorschlägen der Zs. Muttersprache
Bei den meisten Eindeutschungsversuchen werden mehrere Vorschläge angegeben. Die Eindeutschungen werden sich daher wohl nicht (vgl. Zesen) halten können. Außerdem haftet - vorsichtig formuliert - manchen Eindeutschungen ein wohl nicht beabsichtigtes humoristisches Konnotat an. Sie können nur beschränkt ernstgenommen werden.
• E-mail > E-Post, Emil (elektronische Mitteilung), Kabelschreiben, Netzpost.
• easy > leicht, einfach; Bedeutungsinhalt der dt. Wörter zu weit.
• Editorial > Leitartikel; Entsprechung besteht bereits und weicht semantisch vom FW leicht ab.
• Edutainment > unterhaltsame Erziehung, Vergnügungsbildung, Spaßunterricht, fröhliche Wissenschaft; Bedeutung nicht korrekt wiedergegeben (zu weit, zu eng), umständlich.
• Egghead > Intellektueller, Eierkopf, Wolkenwandler, Obergescheiter; Bedeutungsverschiebung, tendenziös.
• Engagement > Einsatzfreude, Sich-Einlassen-Auf; Bedeutungsverschiebung, umständlich.
• Eroscenter > Freudenhaus, Lusthölle; bereits existent, zweites: zu stark. Die Frage wird in den Raum gestellt, ob sich nicht die griech.-lat. Form Erotikzentrum durchsetzen könnte. [Kommt ganz darauf an, wer hingeht, würde ich meinen.]
• Evaluation > Bewertung; Bedeutungsverschiebung: nicht jede Bewertung ist eine Evaluation; daher: Bedeutung von Bewertung zu weit.
2. Wörterbuch überflüssiger Anglizismen von Pogarell/Schröder
Das Wörterbuch überflüssiger Anglizismen von Reiner Pogarell und Markus Schröder (1. Aufl. 09/1999, 2. Aufl. bereits 01/2000; also eine scheinbar große Nachfrage) und v. a. Pogarell selbst stehen in Zusammenhang mit den Bemühungen des Vereins zur Wahrung der deutschen Sprache. Das Wörterbuch umfasst ca. 4000 Einträge, doch viele davon wirken, als seien sie nicht wirklich gebräuchlich (s. u.).
Als beliebiges Beispiel wird der Inhalt einer Seite besprochen, um zu kontrollieren, ob die Wörter des Wörterbuchs tatsächlich gebraucht werden. Das Problem einer solchen Untersuchung ist, dass sie, auch wenn sie mit größerem Aufwand betrieben wird, keine eindeutigen Ergebnisse bringen kann. Das Ziel müsste sein, die Wörter mit dem Korpus der dt. Alltagssprache zu vergleichen. Ein solcher existiert zwar als Liste des Instituts für deutsche Sprache und ist über Internet zugänglich; doch auch diese Sammlung muss nicht mit dem tatsächlichen Korpus übereinstimmen. Die Sprache ist ein komplexes Konglomerat und lässt sich eigentlich nicht durch Grammatiken und Wörterbücher fassen, weil sie aus unzähligen soziologischen Sprachschichten [und letztlich aus selbständigen Idiolekten] besteht. Der Korpus des Instituts für deutsche Sprache versucht, die Nähe zum tatsächlichen Sprachgebrauch durch Heranziehen von (hauptsächlich) Zeitschriften zu erreichen bzw. zu wahren. Die Zeitschriften sind aber zumeist Qualitätszeitschriften (z. B. Die Zeit). "Subversive Elemente" fehlen daher z. T. gänzlich, weil Jugendzeitschriften, Fachzeitschriften, Zeitschriften von und für Randgruppen, Zeitschriften ohne Lektor usf. nicht berücksichtigt werden. Die folgende Bewertung der Bsp. aus dem Anglizismenwörterbuch ist also bis zu einem gewissen Grad intuitiv und idiolektabhängig. Schrodt unterscheidet Fremdwörter, die er gebrauchte, die er nicht gebrauchte (weil sie seinem Verständnis nach nicht in den Bereich der Alltagssprache gehören) und die er nicht kennt. Eine Ersetzung macht freilich nur Sinn, wenn das Fremdwort gebräuchlich ist.
• smart > geschäftstüchtig; gutaussehend. Dieses Wort würde in der Alltagssprache vermutlich eher nicht gebraucht, weil die Fiktion der Alltagssprache, der dt. Sprache, eine weitgehende emotionslose Standardsprache betrifft. Wie viele Fremdwörter ist aber auch smart charakterisiert durch eine spezifische Konnotation, die dem Gebrauch in einer neutralen Sprache entgegensteht. Solche Fremdwörter werden nur in bestimmten Domänen der dt. Sprache verwendet, nicht im alltagssprachlichen Bereich, wobei eine Domäne die (dt.) Sprache einer konkreten kommunikativen Situation benennt. Daher: bekannt, aber kein Gebrauch.
• Smartshop: unbekannt.
• Smile > Lächeln; kein Gebrauch.
• Smiley > Grinsegesicht. Schrodt kennt das Wort als Bezeichnung für Symbole im Internet und in dieser Funktion würde er es auch verwenden. Dann ist aber der Vorschlag Grinsegesicht unpassend, weil er in seiner Bedeutung der ursprünglichen Bedeutung von Smiley entspricht, aber nicht der Verwendung als Computerterminus [nach Daniels: Kategorie 2].
• Smog > Dunstglocke; bereits vorhanden [andere Bedeutungsnuance?].
• Smoke > Rauch; kein Gebrauch.
• Smoke-In > Rauchkneipe; wirkt ungewöhnlich, eher nicht im alltäglichen Sprachgebrauch.
• smoothen: ein denglisches Wort.
• Snack > Imbiss, Zwischenmahlzeit [nach meinem Verständnis gebräuchlich; deutsche Entsprechungen ohnehin existent, FW zur semantischen Differenzierung].
• Snack-Bar > Imbissstube; unbekannt [finde ich nicht].
• Snap-Shot > Schnappschuss; ungebräuchlich.
• Snail-Mail: eine (ironische?) Bildung zu E-Mail, die domänenspezifisch (in der Computersprache) verwendet wird, also nicht zum Wortschatz der Alltagssprache gezählt werden kann. Dies zeigt sich daran, dass ein dt. Sprecher, der kein Interesse für den Computer-Bereich aufbringt, dieses Wort wahrscheinlich nie gebrauchen oder verstehen müssen wird.
• sniefen: denglisch; rauchen, Einnahme von Drogen; ungebräuchlich.
• Snob: nicht neutral, also nicht Alltagssprache, also nicht gebräuchlich.
• Snobiety > Schickeria; eher nicht gebräuchlich.
• Snowboard > Schibrett.
• soap: warum sollte jemand (in der Alltagssprachlich) soap statt Seife sagen?
• Soap Opera.
• soccer: eher nicht gebräuchlich; in speziellen Zusammenhängen (also Domänen): street soccer.
Im Großen und Ganzen könnte man sagen: Von den 4000 Wörtern bleiben nur ca. 450, die im aktiven Sprachschatz der Alltagssprache verankert sind und dem dt. Sprecher im Alltagsleben ständig begegenen (können); z. B. in Annoncen, Zeitungen, Zeitschriften, Werbeaussendungen. Der eigentliche Verdeutschungsbedarf ist daher wesentlich geringer als der von den Autoren dieses Buchs angenommene.
Bis zum Ende der Vorlesung wird mit dem Besprechen einiger Wörter fortgefahren. Es empfiehlt sich, die Kategorien Daniels' an ihnen zu erproben [denn meine Einschätzung ist vielleicht völlig falsch]!
• abgefuckt > heruntergekommen, verwahrlost; lustlos, gelangweilt; [1: zu weit; 2: eher falsch weil viel zu weit].
• Abstract > Kurzfassung, Zusammenfassung; zu weit: ein Abstract ist nicht irgendeine Kurz- oder Zusammenfassung, sondern eine vollständige Kurzfassung, [vorzugsweise bei wissenschaftlichen Werken].
• abturnen > anwidern, lästig sein; [dt. Termini neutral, FW domänenspezifisch; wegen Verlust des Konnotats bei den Entsprechungen: zu weit; außerdem Bedeutungsunterschied].
• anturnen: Ggs. zu abturnen.
• Account: Fachwortschatz.
• Action > Handlung, Bewegung [die Entsprechungen sind wörtliche Übersetzungen und stimmen mit der Bedeutung des Fremdworts nicht überein; daher: Kategorie 2 oder 5].
• Actionfilm > Abenteuerfilm, Reißer; Bedeutungsunterschied [Abenteuerfilm: ist kein Actionfilm (siehe Kino- oder Fernsehprogramme, in denen die Filme meist klassifiziert werden); Reißer: tendenziös].
• Advertainment > unterhaltende Werbung [umständlich], Spaßwerbung (entspricht nicht dem Wortethos von Advertainment).
• Aerobic > Tanzgruppengymnastik; könnte sich durchsetzen.
• After-Shave-Lotion > Rasierwasser; dt. Entsprechung besteht bereits.
• Airbag > Luft- oder Prellsack; [wörtliche Übersetzung; Kategorie 2].
• Airline: im Flugwesen, das generell englisch ist und es daher wohl bleiben wird.
• Alien > Fremder, Ausländer, Außerirdischer; falsch [denn hier wurde wieder übersetzt; vgl. die Übersetzung von ne. alien in: Pons. Globalwörterbuch. Englisch-Deutsch. - Wien: ÖBV Pädagogischer Verlag 1995: I. Ausländer(in); außerirdisches Wesen. II. 1. (foreign) ausländisch; außerirdisch. 2. (different) fremd. 3. (Comput) fremd. Kategorie 2 oder 5.]
• American Way of Life: schwierig einzudeutschen.
• Amplifier: kein Fall für die Alltagssprache.
• Asphaltcowboy > Streuner, Herumtreiber; Bedeutungsnuance geht verloren.
• ausflippen > aus sich herausgehen; denglisch; kann nicht mehr übersetzt werden, weil es schon im Deutschen verankert ist.
• ausknocken > kampfunfähig machen; [dt. Begriff zu neutral].
• Austria > Österreich.
• Autocross > Geländerennen, Querfeldeinrennen u. a.; zu viele; zudem wird der Bedeutungsinhalt trotzdem nicht exakt getroffen.
#9, Mi., 24.05.2000, Hörsaal 30 des Instituts für Germanistik
[Fortsetzung von III. Sprachpurismus, B. Sprachpurismus heute, 2. Wörterbuch überflüssiger Anglizismen von Pogarell/Schröder]
[Da es sich um Fremdwörter handelt, werde ich sie im Folgenden groß schreiben. Denn es ist anzunehmen, dass Wörter wie Barkeeper oder Booklet, so sie in dt. Texten vorkommen, als Hauptwörter gebraucht werden und deshalb im Gegensatz zur englischen Kleinschreibung mit einem Großbuchstaben beginnen. Die Beispiele, welche während der VO an die Tafel geschrieben werden, beginnt Schrodt allesamt mit Kleinbuchstaben.]
• Barcode > Streifenerkennung; z. T. Übs. bereits gebräuchlich.
• Barkeeper > Kneipier (ungewöhnlich), Barmann.
• Beat > Schlag, Rhythmus; aber: die musikalische Gattung Beat wird hier nicht berücksichtigt.
• Bike > Zweirad; teilw. gebräuchlich.
• Bingo! > genau!, du sagst es!, volltreffend!; das FW Bingo scheint eher als Slang-Wort vorzukommen. Deshalb ergeben sich bei den Eindeutschungsversuchen Bedenken. [Außerdem wird das Spiel Bingo hier nicht berücksichtigt.]
• Blackout > Aussetzer, Filmriss, Denkloch (wirkt komisch [weil tendenziös]).
• Blister: eine Verpackung aus Karton und Kunststoff (z. B. bei Batterien). Übs.-Vorschlag: transparente Kunststoffverpackung; zu umständlich.
• Booklet > Werbebroschüre (falsch), Heft, Beiheft; ebenfalls nicht korrekt, denn ein Booklet ist eine besondere Form des Hefts oder Beihefts; nämlich das einer CD.
• Bookmark > Lesezeichen (könnte sich durchsetzen), Merker.
• Booten und Boss werden nur erwähnt.
• Brainstorming > Gedankensammlung, Ideensammlung; der engl. Terminus bedeutet aber eher "flüchtiges Vorübergleiten-Lassen von Gedanken".
• Brainwashing > Gehirnwäsche (hat sich bereits durchgesetzt).
• Bubble Gum: bestimmte Art von Kaugummi.
• Bungalow > flachedachiges Einfamilienhaus mit gehobenem Standard; falsch, denn ein Bungalow ist v. a. ein Haus, das nur aus einem Stockwerk besteht.
• Bungee-Jumping > Tiefseilspringen, Sprung am Seil; [diese Versuche verbreiten allenfalls Heiterkeit].
• Bunny > Hase; nicht jeder Hase ist ein Bunny.
• Bypass > Umleitung der Blutbahn am Herzen; zu umständlich.
• Callgirl > Prostituierte; [das FW fungiert als Euphemismus, weshalb es wohl bleiben wird].
• Carwash: wird später besprochen werden (andere VO).
• Channel-Hopping > Senderspringen. Vgl.: Zapping > Durchschalten (zu weit, denn nicht jedes Durchschalten ist ein Zapping).
• Zombie > Untoter, willentlich wanderende Leiche; [ein weiteres Bsp. für den beeindruckenden Humor der Verfasser des Wörterbuchs].
• clever > klug, gescheit, begabt, pfiffig, gewitzt; während der VO fallen noch die Vorschläge schlau und gerissen. Ergo: Das Wörtchen clever vereint in sich die Bedeutungen mehrerer dt. Wörter. Eine eindeutige und exakte Entsprechung gibt es jedoch nicht.
• Cowboy > Rind- od. Viehhüter.
• Couch-Potatoe > Stubenhocker.
• Don't worry be happy! > Sorge dich nicht, sei glücklich!; [humoristisch].
• easy > unbeschwert, unbekümmert, angenehm, gefällig; auch simpel, einfach; ein Fall wie clever.
• Hostess > (1) Messebegleiterin, Messebetreuerin, Gastgeberin; (2) Edelhure; zu (2): Edelhure ist kein Euphemismus (im Ggs. zu Hostess).
• Hardcore > Hartgesottenes, Schockierendes; auch: harter Pornofilm; nicht deckungsgleich bzgl. der Bedeutung.
• Groupie > Popschlampe; tendenziös.
• Shaver: ein Damenrasierer; kaum zu übersetzen. Offensichtlich kann aber Shaver nicht einfach durch Rasierer oder Rasierapparat ersetzt werden. Weiters ist auch eine Übersetzung als Damenrasierer nicht optimal.
Von den rund 450 Wörtern, die Schrodt als zumindest in seinem passiven Wortschatz (als Sprecher der Alltagssprache) befindlich einordnet, bleiben letztendlich nur ca. 50, bei denen die Übersetzung des Wörterbuchs überflüssiger Anglizismen sinnvoll erscheint, also die Eindeutschung angenommen werden könnte.
C. Sprachpurismus im 19. Jahrhundert
Aus dem 19. Jh. stammen erste Belege für das Wort Fremdwort. Turnvater Friedrich Jahn behauptet: Fremdwörter gehen als solche, und wenn sie 100.000mal eingedeutscht werden, nicht in Gut und Blut ein. Sie besitzen keine Zeugungskraft. Die Tendenz, biomorphe Metaphern zu verwenden, sollte die Fremdwortdiskussion lange Zeit [bis zum heutigen Tag] bestimmen. Auch Jean Paul bezieht in der Vorrede zum Hesperus oder 45 Hundsposttage Stellung zum Fremdwort: es wäre nur als Flugsame aufgekeimt; wieder eine biomorphe Metapher. Doch das 19. Jh. ist nicht nur bestimmt von sprachpuristischen Tendenzen: Jacob Grimm schreibt beispielsweise 1847 in seinem Aufsatz über das pedantische der deutschen Sprache über die (vielen) Puristen in Deutschland, die sich gleich Fliegen an den Rand unserer Sprache setzen und mit [...] Fühlern sie betasten.
Nach der Reichsgründung 1871 kommt es zu bewusst geplanten Fremdwortverdeutschungen (wovon Österreich, die Schweiz und Luxemburg nicht betroffen sind, weshalb sich viele Fremdwörter hier viel länger oder überhaupt bis heute behaupten können). Schon 1874/75 schlägt Reichspostmeister Heinrich von Stephan ca. 800 Verdeutschungen vor, die v. a. das Postwesen betreffen. Viele davon sind tatsächlich in die dt. Sprache eingegangen, wie z. B. Kuvert > Briefumschlag, Korrespondenzkarte > Postkarte oder Telefon > Fernsprecher. (Nebenbei erwähnt, ist das Postwesen bis zur Gegenwart traditionell französisch.) Ebenfalls amtliche Eindeutschungen geschehen im Heereswesen (Avancement > Beförderung, Anciennetät > Dienstalter, viele Dienstgrade < Charge) und in der Verwaltung (Kopie > Abschrift, Pension > Ruhegehalt). 1890 übersetzt der Oberbaurat Otto Sarrazin fast 1.300 Fachtermini ins Deutsche. Darunter Velo > Fahrrad, Perron > Bahnsteig, Retourbillet > Rückfahrkarte. Ein großer Teil dieser Eindeutschungen (z. B. das Bahnwesen betreffende Verdeutschungen) setzten sich in Österreich erst Jahrzehnte später durch. Durch den Deutsch-französischen Krieg von 1870/71 steigt der Nationalismus und das bewusste Festigen des Nationalgefühls. Englisches, Französisches, Katholisches, Jüdisches, Sozialdemokratisches usf. (Was bleibt dann noch über als "deutsch"?) wird (auch wenn es sich um Wörter handelt) abgelehnt, die Eindeutschungen nehmen zu.
D. Allgemeiner deutscher Sprachverein
Er wird 1885 von Hermann Riegel gegründet unter den Leitsatz: "Gedenke auch, wenn du die deutsche Sprache sprichst, daß du ein Deutscher bist!" (zit. n. tribüne (1998), H. 3, S. 4). Deutsche Wörter sollen überall, wo es möglich ist, den Fremdwörtern vorgezogen werden. Der Sprachverein gibt eine eigene Zeitschrift heraus, die ab 1925 Muttersprache heißt und unter diesem Namen noch heute erscheint. Viele Verdeutschungswörterbücher erscheinen; z. B. das von Hermann Dunger, einem Dresdner Germanisten, von 1885, welches noch heute als Nachdruck erhältlich ist.
Im Lauf der Jahre entstehen verschiedene Zweigvereine; um 1915 sind es bereits 327. Die Mitgliederzahl steigt rasant an: nach anfänglichen 6.500 Mitgliedern zählt der Sprachverein 1915 ganze 37.790. Über 50% der Mitglieder stammen aus der Berufsgruppe Handel- und Gewerbe, weitere 20% sind Lehrer. Die Zweigvereine unterscheiden sich gelegentlich ziemlich stark vom Hauptverein. So wird etwa von einem Verein die Einführung eines Sprachzolls gefordert, der bei der Verwendung eines Fremdworts zu entrichten sei. Der Grund für die Popularität solcher Bewegungen ist, dass die Schicht des dt. Bürgertums fremde (v. a. frz.) Elemente nicht in ihrer Sprache verwendet. Der Sprachkampf erscheint somit als eine Äußerung eines Kulturkampfs.
Die Germanistik dieser Zeit tritt dem Sprachverein mit unterschiedlichen Einstellungen entgegen: Friedrich Kluge, Otto Behagel und Theodor Siebs (Sprachwissenschaftler) befürworten die Ideen der Sprachpuristen, während Gustav Röthe und Erich Schmidt (Literaturwissenschaftler) ihn leidenschaftlich bekämpfen. 1889 verfassen Theodor Fontane und Gustav Freytag eine Erklärung gegen den Allgemeinen deutschen Sprachverein, die gleichwohl nicht viel nützt.
Die Aktivitäten des Sprachvereins nehmen bis und während des Ersten Weltkriegs beständig zu ("Der Krieg reinigt die Sprache."). Die Eindeutschungsversuche betreffen nun auch Orts-, Straßen- und Flurnamen, die Speisekarte usf. (z. B. gegen Restaurant, Hotel). Einige Eindeutschungsversuche sind aus heutiger Sicht nahezu ein Kuriosum, weil die Verdeutschung durch ein Kunstwort erfolgt bzw. erfolgen soll. Bsp.: Das FW Lokomotive soll eingedeutscht werden. Offensichtlich fährt die Lokomotive zu Lande und sie ist ein künstliches Gebilde. Analog dazu, als künstliches Gebilde im Wasser, gibt es das Schiff. Natürlich und im Wasser aber ist der Fisch, der dem umgekehrten Schiff (von hinten gelesen) entspricht. Natürlich am Land ist nun das Roß. Statt Lokomotive müsste es also Roß von hinten gelesen heißen, nämlich Sor. Weil aber das Geschlecht (Lokomotive f.) beibehalten wird, lautet das Ersatzwort schließlich die Sorre.
Ein besonders engagierter Sprachpurist vor und während des Ersten Weltkriegs ist Eduard Engel, der mehrere Verdeutschungswörterbücher verfasst. Peter von Polenz schreibt über ihn in seinem Aufsatz Fremdwort und Lehnwort sprachwissenschaftlich betrachtet:
Gegen das akademische 'Welsch' im allgemeinen und Roethe im besonderen ist in der Zeit vor und während des l. Weltkrieges der Publizist Eduard Engel zu Felde gezogen. Schon bei ihm zeigt sich ein militant-chauvinistischer Purismus, der in der Tonart selbst von den nationalsozialistischen Sprachreinigern nicht mehr überboten werden konnte. Engel ereiferte sich über die "grenzenlose ausländernde Sprachsudelei", über die "sprachliche Entvolkung Deutschlands", über das "Krebsgeschwür am Leibe deutscher Sprache, deutschen Volkstums, deutscher Ehre", über die "Schändung der schönsten Sprache der Welt". Er bezeichnete den Fremdwortgebrauch als "geistigen Landesverrat" und forderte: "Nur ein deutschsprechendes deutsches Volk kann Herrenvolk werden und bleiben.'
Doch auch kritische Stimmen zu den vielfachen Eindeutschungsversuchen ertönen: Leo Spitzer spricht sich 1918 eindeutig gegen die Fremdworthatz und den Fremdworthass aus; gleiches gilt für Karl Kraus.
Nach dem Ersten Weltkrieg nimmt der Sprachpurismus bzgl. der Eindeutschungsversuche (kurzfristig) ein wenig ab. Man konzentriert sich auf die Entwicklung der dt. Schrift und Rechtschreibung. Trotzdem folgen auch immer wieder neue Verdeutschungsversuche, z. B. der Monatsnamen: Heuerth - Juli, Aust - August, Wonnemonat - Mai, Scheidung - September, Gilbhart - Oktober, Nebenhart - November, Christmond - Dezember.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten kommt es zur Gleichschaltung des Sprachvereins mit den politischen Machthabern. Der Sprachverein wird zur SA unserer Muttersprache und (in Folge) wird seine Zeitschrift Muttersprache in anderen (noch) nicht nationalsozialistischen Ländern wie Österreich (1936) verboten. Doch der Verein kritisiert auch die Verwendung vieler Fremdwörter durch die Nazi-Führer. Z. B. sollte Propagandaminister durch Werbeminister ersetzt werden, nach dem Motto: "Wer Deutsche führen will, muß deutsch zu ihnen reden." Damit gerät der Sprachverein in immer größere Distanz zu den führenden Nationalsozialisten. Um die weitere Entwicklung der Fremdwort-Frage während des Dritten Reichs zu diskutieren, wieder der Aufsatz (s. o.) von Polenz:
Die Aufrufe zur allgemeinen Sprachreinigung, die der Vorstand des Sprachvereins im Jahre 1933 in der Muttersprache und in der Tagespresse ergehen ließ, waren in der Tonart zunächst noch recht maßvoll, verglichen mit jenen chauvinistischen Formulierungen Eduard Engels aus der Zeit des l. Weltkrieges. Der Vorsitzer, Richard Jahnke, und einige Beiträger der Zeitschrift brachten sogar den Mut auf, auch den fremdwortreichen Redestil der obersten Naziführer und vor allem Hitlers zu kritisieren. Man richtete aus "heißer Vaterlandsliebe" Bitten an den 'Führer' und die Partei, Fremdwörter wie Propaganda, Organisation, Garant, avisieren, Konzen'trationslager, Sterilisation usw. zu vermeiden. Man hoffte mit dieser Sprachkritik dazu beitragen zu können, "daß die Gedanken unserer Führer dem Volke immer klarer erkennbar werden". Daß der Gebrauch bestimmter Fremdwörter in politischer Agitation oft absichtlich dazu dient, die Gedanken der Herrschenden gerade nicht für alle erkennbar zu machen, davon ahnten die deutschtümelnden Sprachreiniger offenbar nichts. Man war in der Illusion befangen, den Nationalsozialismus mit dieser Fremdwortkritik fördern zu können, weil man in der rechtsradikalen Diktatur nichts anderes als die Erfüllung romantischer Deutschtumsträume sah.
Die politisch naive Sprachkritik dieser Vereinsmitglieder wurde in den Jahren 1934 und 1935 allmählich zurückgedrängt, nicht zuletzt durch die recht sophistischen Erklärungen der beiden akademischen Philologen unter den Vorstandsmitgliedern, in denen der Fremdwortgebrauch des 'Führers' und der Partei entschuldigt wurde. Der Berliner Germanist Arthur Hübner gestand Hitler den "genialen Gedanken" zu, mit dem Gegner in dessen eigener Sprache zu reden, nämlich in der "entdeutschten und verausländerten Sprache des marxistischen und demokratischen Parlamentarismus"; und der Gießener Germanist Alfred Götze wollte den Fremdwortgebrauch "unserer vaterländischen Bewegung" von der Sprachreinigung ausgenommen wissen, da er "wohlerwogener staatsmännischer Absicht" entspringe.
Nach dieser Ausklammerung der obersten Naziführer und der Partei kam der Purismus des Sprachvereins zu aktivistischer Wirkung in der Öffentlichkeit, vor allem nach der Wahl des neuen Vorsitzers Rudolf Buttmann, der sich als alter Nationalsozialist darum bemühte, "den Deutschen Sprachverein in dieser Kampffront an der richtigen Stelle einzuschalten". Der Sprachverein wurde zur "SA unserer Muttersprache", wie es ein Autor der Muttersprache einmal ausdrückte. Man wandte sich mit Denkschriften, Empfehlungen und Aufrufen an die Behörden des Reiches und der Länder und an die Presse: Die Schriftstücke der Ämter und Gerichte sollten künftig nur noch in einer "volksnahen", fremdwortfreien Sprache abgefasst werden; Vortragende im Rundfunk, die zu viele Fremdwörter gebrauchen sollten "belehrt" und widrigenfalls "nicht mehr zugelassen werden" deutsche Waren sollten nur noch mit deutschen Bezeichnungen patentiert und angeboten werden; Undeutsche Ladenschilder und fremdsprachlicht Bezeichnungen auf Speisekarten hätten zu verschwinden; Gasthofnamen und die Platzbezeichnungen in Theatern sollten verdeutscht werden. Sportvereine, die "nicht deutsch sprechen wollen", dürften keine Förderung erhalten. Für all das und noch mehr forderte der Sprachverein Verordnungen und bot dafür unentgeltlich sprach- und sachkundige Helfer an. Das Echo bei den angesprochenen Stellen kam schnell und war positiv. Von den Nazigrößen haben sich Göring, Frick und Darre offenbar persönlich für diese amtliche Verdeutscherei eingesetzt. Aber von Hitler, Goebbels und Himmler verlautete zu dieser Frage zunächst nichts.
Auch auf einer höheren Ebene, der akademischen, wurde in den Jahren nach 1933 in der Muttersprache eine Sprachreinigungskampagne geführt. In hochtönenden Aufrufen wandten sich Alfred Götze und der Gießener Soziologe ('Gruppgeistwissenschaftler') Hans L. Stoltenberg an die deutschen Hochschullehrer. Die 'Entwelschung' der deutschen Wissenschaftssprache, die Eduard Engel so leidenschaftlich gefordert hatte, glaubten sie jetzt verwirklichen zu können. Sie hatten aber keinen nennenswerten Erfolg damit.
Es handelte sich beispielsweise um Eindeutschungsversuche wie Rektor > Hochschulführer, Dekan > Lehrschaftsführer, Ordinarius > Amtshochlehrer, akademisch > hochschulhaft, Institutionalisieren > Anstaltsamung. Man forderte einen Sprachberater für jede Hochschule. Aus diesen Versuchen gingen die (heute gebräuchlichen) Eindeutschungen Leideform (Passiv), s-Fall (Genitiv) und Hauptwort (Substantiv) hervor.
Der deutsche Sprachpurismus hat dann noch eine höchste, letzte Stufe erreicht: die antisemitische, und zwar erst seit dem Jahre 1936. Bis dahin wollte man die Fremdwörter aus der deutschen Sprache entfernen, weil man darin Überreste einstiger Fremdherrschaft über die Deutschen zu sehen glaubte oder ein Zeichen unwürdiger Unterwerfung der Deutschen selbst. Dieser Kampf um 'deutsche Art' und 'deutsches Wesen' richtete sich gegen die alte kulturelle Übermacht des Lateins, des Griechischen und des Französischen. Das waren Ziele und Motive, die sich noch kaum von dem unterschieden, was die deutschen Puristen seit der Alamodezeit des 17. und 18. Jahrhunderts getan hatten. Nun kam aber seit Anfang 1936 -also bald nach dem Inkrafttreten der 'Nürnberger Gesetze' - ein neuer Gesichtspunkt hinzu: die rassistische Motivierung aus dem Antisemitismus.
Der erste, der diesen neuen Ton in die Spalten der Sprachvereinszeitschrift hineingebracht hat, war der Germanist Alfred Götze. Ausgehend von der Etymologie des Wortes keß, eines von Berlin ausgehenden Modewortes der zwanziger Jahre, das aus der Gaunersprache und weiterhin aus dem Jiddischen stammt, beklagt er sich über den Gebrauch von Wörtern jiddischer Herkunft: "Gottlob haben wir wieder gelernt, daß wir Germanen sind. Wie verträgt sich damit die Pflege einer im jüdischen Verbrechertum wurzelnden Unsitte? Auch auf die Herkunft von Wörtern wie berappen, beschummeln, Kittchen, Kohldampf, mies, mogeln, pleite, Schlamassel, Schmu, Schmus, schofel, Stuß und ihresgleichen sollte sich der Deutsche nachgerade besinnen. Es ist seiner nicht würdig, seinen Wortschatz aus dem Ghetto zu beziehen und aus der Kaschemme zu ergänzen." - Götze wollte diese Wörter nicht etwa bekämpfen, weil sie gegenwärtig einen niedrigen Stilwert haben und niedere Dinge bezeichnen, sondern weil sie jüdischer und gaunerischer Herkunft seien.
Damit hat ein deutscher Sprachgelehrter als erster die Forderung nach Sprachreinigung auf Wörter ausgedehnt, die im Bewusstsein des philologisch nicht vorgebildeten Teils der Sprachgemeinschaft zwar als 'unfeine' Wörter der Umgangssprache empfunden wurden, aber nicht als Fremdwörter oder jüdische Wörter. Die Deutschen jüdischer Abkunft haben seit der Judenemanzipation um 1800 kaum mehr Jiddisch gesprochen, und die meisten dieser (z. T. sogar irrtümlich) aus dem Jiddischen hergeleiteten Wörter waren seit dem 18. oder 19. Jahrhundert in der Umgangssprache aller Deutschen geläufig. Der methodologische Irrtum eines Philologen, man brauche zur Beurteilung des gegenwärtigen Zustandes einer Sprache nur die Etymologie anzuwenden, d. h. die Frage nach der Herkunft der Wörter, ohne Rücksicht auf ihren gegenwärtigen stilistischen und sprachsoziologischen Gebrauchswert, hat hier eine politische Wirkung gehabt, die uns noch heute Anlaß geben sollte, in der Methodik gegenwartbezogener Sprachbetrachtung äußerste Vorsicht walten zu lassen.
Götzes etymologischer Beitrag blieb in der Sprachvereinszeitschrift nicht ohne Folgen. Einige Autoren der Muttersprache versuchten, ihm mit ähnlichen Beiträgen nachzueifern. Dies artete bald - großenteils wohl unabhängig von Götzes Anstoß - in eine allgemeine rassistische Motivierung der ganzen Sprachreinigung aus. Ebenfalls im Jahrgang 1936 führte Walther Linden (Herausgeber der Zeitschrift für Deutschkunde und Verfasser mehrerer Veröffentlichungen antisemitischer Literaturgeschichte) den fremdwortreichen "geistigen Jargon" der Zeit zwischen 1919 und 1933 auf jüdische und westeuropäische Einflüsse zurück, die die deutsche Sprache "zersetzt" hätten. Und auf der Pfingsttagung des Sprachvereins im Jahre 1937 in Stuttgart hielt der Erlanger Sprechkundeprofessor Ewald Geissler den Hauptvortrag Sprachpflege als Rassenpflicht, der dann als 'Flugschrift Nr. l' des Deutschen Sprachvereins wie ein Vereinsmanifest kostenlos angeboten wurde. Darin versuchte er jene 'Zersetzungs'-These am Fremdwortgebrauch moderner deutscher Schriftsteller jüdischer Abstammung wieTh. Mann, Feuchtwanger, Werfel, Kerr, St. Zweig u. a. nachzuweisen und forderte eine "Aufnordung" der deutschen Sprache durch den Kampf gegen "jenes Deutsch, das geheimes Jüdisch war".
Inzwischen hatte sich die blamable Krise des Sprachvereins schon angekündigt: Die Verknüpfung von Sprachreinigung und Antisemitismus war in der "Muttersprache" schon vor Geisslers Vortrag unwillkürlich ad absurdum geführt worden durch einen Beitrag eines Vereinsmitgliedes, in dem mit Entsetzen festgestellt wurde, dass jener große Vorkämpfer der NS-Puristen, Eduard Engel, ein Jude war. Engel habe zu Unrecht die Fremdwortfrage "zum Maßstab vaterländischer Gesinnung" und der "Deutschheit" hochgespielt. Jetzt auf einmal wurde nicht mehr der Fremdwortgebrauch, sondern die Fremdwortjagd der Puristen selbst als jüdische Angelegenheit aufgefasst. Dieser groteske Umfall eines einzelnen Vereinsmitgliedes war nur ein Symptom für die nahende Krise des Vereins. Der Sprachverein muss sich in den Jahren von 1933 bis 1937 eher unbeliebt gemacht haben. Der Propagandaminister Goebbels hat auf der Berliner Festsitzung der Reichskulturkammer am l. Mai 1937 die Sprachreiniger öffentlich gerügt. Daraufhin sah sich der Vorsitzer des Vereins in der Eröffnungsansprache der Stuttgarter Pfingsttagung zu einem Fußfall gezwungen. Er erklärte, der Kampf des Vereins gelte "gar nicht in erster Linie, wie es irrtümlich immer wieder heißt, dem Gebrauch von Fremdwörtern". Er distanzierte sich von der "haltlosen Verdeutscherei und Sprachschöpferei" und von der "Beurteilung vaterländischer Gesinnung nach dem Fremdwörtergebrauch". Von da an wurden die Fremdwortpolemiken in der Muttersprache immer maßvoller und seltener. Man wagte es bald auch, das "beschränkte Lebensrecht" des Fremdwortes zu verteidigen; und im Krieg, als viele europäische Länder von deutschen Truppen besetzt waren, besann man sich auf die "übervölkischen Aufgaben unserer Sprache". - Offiziell abgeblasen wurde die deutsche Fremdwortjagd schließlich durch einen Erlass Hitlers vom 19. November 1940.
Hitlers Fremdwortgebrauch war ein Resultat nüchterner, rhetorischer Überlegungen. Nach Viktor klemperer und seinem Buch Lingua Tertii Imperii imponieren nationalsozialistische Machthaber durch den Gebrauch vieler Fremdwörter. Außerdem übertönen sie (mit den nicht verstandenen Fremdwörtern) das Denken. Hitler formuliert diese These selbst in Mein Kampf.
Nach dem Zweiten Weltkrieg gibt es keine systematische Fremdwortkritik im Stil des Allgemeinen deutschen Sprachvereins mehr, wenngleich eher vereinzelt bestimmte Fremdwörter (v. a. Anglizismen) angefeindet werden.
IV. Die gegenwärtige Situation
Allgemein ist ein Rückgang der frz. Fremdwörter zu bemerken. Sie werden oft nur noch als Zitatwörter verwendet (Bsp.: Tête-à-tête). Andererseits entsteht ein Eurolatein, d. s. Neubildungen, die ans Lateinische erinnern. Beispiele wären die Wörter situativ und ultimativ, die Suffixe -ation, -ität, -iment (Regeneration, Quantität) und die Lehnpräfixe anti-, extra-, pseudo-, trans-, ultra-. Gleichzeitig ergeben sich viele Mischbildungen aus Bestandteilen verschiedener Sprachen (z. B. Latein-Deutsch): Exgattin, antiwestlich. Ebenfalls zum Eurolatein gehörig sind die Konfixe (d. s. Wortbestandteile, die nicht Präfixe, nicht Suffixe und auch keine freien Lexeme sind) wie graph (Monographie, Fotograph), therm, audio, tele, bio, euro, geo, öko, phono, video usf.
Besonders häufig stößt man in der dt. Gegenwartssprache auf Internationalismen. Dies sind Wörter, die in mehr oder minder fast identer Form (lautlich und schriftlich) in mehreren, nicht miteinander verwandten Sprachen vorkommen. Bsp.: Tourismus u. v. a. [siehe dazu Klaus Heller: Das Fremdwort in der deutschen Sprache der Gegenwart. Untersuchungen im Bereich der deutschen Gebrauchssprache. - Leipzig: VEB Biographisches Institut 1966. S. 35-41 und Horst Haider Munske: Fremdwörter in deutscher Sprachgeschichte: Integration oder Stigmatisierung.]
Der Einfluss des Englischen als Prestige- und Bildungssprache nimmt stetig zu, auch im Bereich der Werbungs- und Jugendsprache. Die englischen Entlehnungen erfahren heute immer weniger eine Eindeutschung. Sie werden weder im Schriftbild (im Ggs. zu früheren Entlehnungen wie Koks aus cokes und Streik aus strike, beide 19. Jh.) noch in der Aussprache (im Ggs. zur früheren Tendenz, engl. a als ö auszusprechen, wie in Curry und Blöff) dem Deutschen angepasst, sondern wortgetreu übernommen. Die Aussprache wird heute nur noch selten bei der Entlehnung verändert (USA, lynchen). Der Trend, die Aussprache zu belassen, zeigt sich einprägsam an der Gegenüberstellung von o. k. (spätere) und k. o. (frühere Entlehnung). Einer der größten Vorteile, den die Anglizismen mit sich bringen, ist ihre Kürze und Prägnanz. Sie sind handlicher (eigentlich sprachlicher) als viele dt. Wörter (fit, boy, sex, box). Oft dienen Anglizismen als Euphemismen: hostess, sex, playboy. Eine große Anzahl von Ausdrücken bergen einen stilistischen Effekt, etwa den eines Oxymorons bei Christus-Fan. Letztlich eröffnen Fremdwörter (und eben auch Anglizismen) die Möglichkeit zur Begriffsdifferenzierung. So ist ein song weder Lied noch Schlager, Arie o. Ä., sondern eine Form musikalischer Darbietung, die durch kein (singuläres) dt. Wort benannt werden kann. Ähnlich verhält es sich bei dem Wörtchen job, das dadurch gekennzeichnet ist, dass es nicht Arbeit, Tätigkeit, Anstellung meint, sondern eine Art Gelegenheitsarbeit, die als einziges Ziel das Geldverdienen verfolgt. Fremdwörter machen also Sinn.
#10, Mi., 31.05.2000, Hörsaal 30 des Instituts für Germanistik
V. Fremdwörter in Fach- und Sondersprachen
Dieses Kapitel behandelt das sehr allgemeine und umfassende Gebiet am Beispiel der Fachsprachen (insbes. des Fachwortschatzes) im Computer- und Internet-Bereich (Chat-Slang etc.).
A. Literatur
Zum Thema empfiehlt sicht der Artikel Anglizismen im Internet von Peter Schlobinski. Er findet sich auf der Homepage Schlobinskis und kann im pdf-Format gelesen und ausgedruckt werden. Den Weg zur Homepage weist jede Suchmaschine. Der Bereich des Computerjargons wird behandelt im Aufsatz Wortschöpfung in der Fachsprache der EDV, zu erreichen über: http://www.ku-eichstaett.de/SLF/German/wortsch.htm. Zum Cyberslang noch zwei Adressen: www.cyberslang.de und www.websprache.uni-hannover.de. Hr. Schrodt legt die Lektüre sehr ans Herzen.
B. Problemstellung
unter Referenz auf Schlobinski: Anglizismen im Internet
Tatsache ist, dass sich die Computertechnologie mit rasender Geschwindigkeit entwickelt und sich damit auch die Frage stellt, wie man mit den neuen Fachtermini umgeht. Der Ausgangspunkt jeder Diskussion muss sein: "Welche Begriffe sind überhaupt notwendig?" bzw. "Welche Begriffe muss ein durchschnittlicher User verstehen, um mit dem Gerät Computer hantieren zu können?" und "Was bedeuten die einzelnen Termini überhaupt?". Das Verstehens- bzw. Bedeutungsproblem zeigt sich z. B. am Wörtchen file. Das Verständnis für einen deutschen Sprecher ist vermutlich schneller zu erreichen, wenn der mit Datei konfrontiert wird. Soll man also Computer-Fachtermini eindeutschen? Zwei Kriterien stehen in engem Zusammenhang mit der Diskussion der Problematik Computersprache bzw. Fachsprache überhaupt:
(1) Stets im Hinterkopf muss man die Frage behalten, ob ein Fremdwort überhaupt ein Problem für die Alltagssprache darstellt. Ein Beispiel aus dem Autowesen: Die Wörter Kardangelenk und Simmering kennen (außer Mechanikern etc.) wahrscheinlich nur die wenigsten. Man wird es aber in der Regel auch nicht kennen müssen, weil der "normale" Autofahrer mit den damit benannten Teilen des Autos ohnehin nicht konfrontiert ist. Es sei denn, er verlangt z. B. vom Mechaniker, dass dieser den Grund und den Vorgang der Reparatur genau erkläre. In solch einer (eher seltenen) Situation treffen dann Fachsprache und Alltagssprache aufeinander, es entstehen gleichsam Interferenzerscheinungen. Nur in solch einem Fall entsteht ein tatsächliches Problem für die Sprecher.
(2) Der Sprach- und Sachwandel darf nie außer Acht gelassen werden. Wieder ein Bsp. aus der Autowelt: Das Fremdwort Choker (ne. choke 'würgen') ist ein Ausdruck, der von Jahr zu Jahr immer mehr aus der Sprache verschwindet, weil es in neueren Fahrzeugen einfach keinen Choker mehr gibt. Wort und Sache verabschieden sich miteinander aus dem Alltag. Das "Ärgernis mit diesem Fremdwort" hat sich also erledigt. Besonders im schnelllebigen Computerbereich gibt es eine Unzahl solcher Wörter, die (z. B. wegen der Einführung neuer Betriebssysteme) einfach nicht mehr gebraucht werden.
C. Netzsprache - "E-Mailen" und "CHatten"
Mit dem neuen Kommunikationsmedium Internet entstand eine völlig neue Textsorte: das E-Mail. Es ist geprägt von der Auflockerung des gesellschaftlichen Reglements. Bei E-Mails werden formale Konventionen weitgehend vernachlässigt, wie sie beim Brief üblich sind. Lediglich im Wirtschaftsbereich werden auch E-Mails ähnlich strukturiert wie Briefe; eine eher übertriebene formale Strenge, die sich - meint Schrodt - in den nächsten Jahren aufhören wird.
Merkmale der E-Mail-Sprache sind: Rechtschreibfehler, eine lockere Syntax, Grammatikfehler, oft konsequente Kleinschreibung, lockere Interpunktion, einfache Reihung von Hauptsätzen, Ausdrücke ohne Verb = Setzungen, Nähe zur gesprochenen Sprache, Lautwörter (hier häufig Anglizismen; z. B. oops, auch uups), Flexion von fremdsprachlichen Lexemen (gechatted, disabled oder auch disabeld). Das letzte Merkmal gilt eigentlich auch für die Alltagssprache und ist weniger ein spezifisches Merkmal fürs "E-Mailen".
Die Netzsprache (Pidgin-Englisch) ist also unstrukturiert, regellos usf. Ein sprachpuristisches Zitat wird vorgelesen, in dem sich ein nicht genannter Autor über die verkommene Internet-Sprache empört. Anglizismen allerdings sind seltener als man vielleicht meinen möchte. Bei der Untersuchung von Web-Sites wurden nur 4,6% Anglizismen festgestellt, die sich thematisch in die Bereiche Werbung (37%), Computer und Internet (32%) und Alltägliches gliedern. In den Web-Sites stehen sie meistens isoliert, z. B. als Links wie News, Goodies, Software, Download, Specials. Der restliche Text ist kaum von Anglizismen überfrachtet.
Dafür setzt sich ein für die englische Sprache typisches Element zunehmend auch im dt. Sprachraum, und hier zunächst v. a. im Internet-Bereich, durch: die Binnenmajuskel. Bsp.: FestSpielHaus (in St. Pölten), BahnCard, WebKatalog, InterAktion, CityChat. Im Englischen erfüllen sie eine wesentliche semantische Funktion, da viele Zusammenhänge ohne die Binnenmajuskel nicht klar würden. Außerdem bieten sie einen Vorteil für Computerprogramme, da diesen das Erfassen von Leerzeichen oft nicht leicht fällt. Im heutigen Deutsch sind sie teilweise zum Prestigeobjekt geworden, z. B. im genannten FestSpielHaus. Auch das E-Mail gibt momentan noch Rätsel auf, wie es geschrieben werden soll: E-Mail (Duden), Email, e-Mail, e-m@il oder sonst wie? Dieses Problem wird sich im Lauf der Zeit wahrscheinlich von selbst lösen.
Neben dem "E-Mailen" steht mit dem Internet noch eine zweite sprachliche Neuerung in Verbindung: das Chatten. Auch hier werden - vielleicht entgegen der Erwartungen vieler - relativ wenig Anglizismen verwendet. Sie treten verstärkt hauptsächlich bei Begrüßungs- und Verabschiedungssequenzen auf. Weil sich Chatter beim Chatten neue Namen geben, entsteht auch hier ein Feld für Anglizismen: Netranger, Spacewoman. In Österreich scheint diese Praxis weniger üblich zu sein. Es überwiegen dt. Bildungen wie Superfrau o. Ä. Angeblich häufig in der Chat-Kommunikation, im Chat-Slang, sind Akronyme. Sie sind gewissermaßen das Kennzeichen des Chat-Slangs (vgl. Oliver Rosenbaum: Der Chat-Slang [Wörterbuch]). Akronyme werden meistens aus englischen Formen und Phrasen gebildet: nbd = 'no big deal' = 'kein großes Geschäft', 'keine große Sache'; NDA = 'non-disclosure agreement' = 'Vereinbarung der Nichtoffenlegung', mL = 'mililapsum' = 'Einheit für die durschnittliche Sprechgeschwindigkeit von Usern' (Durchschnitt: 200 mL), roflol = 'rolling on the floor laughing out loud'. Siehe zum Cyberslang die unter A. angeführten beiden Webseiten.
Betrachtet man den Komplex der Netzsprache als Ganzes, so scheint es, als ob eigentlich nicht wesentlich mehr oder weniger fremdsprachliche Ausdrücke (speziell Anglizismen) vorkämen als in der Alltagssprache. Auch Originalitäten wie die Akronymwörter sind in Wirklichkeit nicht besonders weit verbreitet. Bei der Diskussion um die Fremdwörter im Internet scheint viel heiße Luft im Spiel zu sein (s. D.).
Dieter E. Zimmer vergleicht in seinem Fremdwörter-Buch die Sprachen Englisch, Dänisch, Niederländisch, Französisch, Finnländisch, Italienisch, Polnisch, Schwedisch, Spanisch und Deutsch bzgl. der Handhabung von Fremdwörtern. Die fremdwortfreundlichste Sprache ist Dänisch. Am meisten Anglizismen ersetzt werden (nicht im Französischen, sondern) im Finnischen, gefolgt vom Schwedischen, dann vom Französischen. Bemerkenswert ist der gravierende Unterschied zwischen den beiden skandinavischen Sprachen Dänisch und Schwedisch. Vielleicht gibt Schrodt die Tabelle Zimmers als Bilddatei ins Internet.
D. Computerjargon und Eindeutschungsversuche dazu
Bei der Frage nach der Eindeutschung von Termini aus Fachsprachen, hier aus dem Fachbereich Computer, muss man sich zuerst fragen, ob die Begriffe überhaupt Teil der Alltagssprache sind. Bsp.: Cache (das eigentlich ausgesprochen werden müsste, da es aus dem Frz. stammt) benennt einen Zwischenspeicher, der einen rascheren Datenzugriff ermöglicht; ein Begriff, den man in der alltäglichen Kommunikation nicht braucht; ein compiler ist ein Übersetzungsprogramm, das Programmierbefehle aus der jeweiligen Programmiersprache in die Maschinensprache umsetzt; auch überflüssig in der Alltagssprache. Je länger das Computerwesen besteht und je ausgefeilter die Programme von Jahr zu Jahr werden, desto weniger gut muss der durchschnittliche Benützer über das Innenleben und die tieferen Zusammenhänge des Computers Bescheid wissen. Damit wird auch das Ersetzen von Fremdwörtern überflüssig. Untersuchungen aus rezenter Zeit haben gezeigt, dass der Wortbestand der Computer-Fachsprache, der auch in der Alltagssprache vorhanden ist, erstaunlich klein ist.
Trotzdem: Die Bestrebungen zu Eindeutschungen haben seit Leo Weisgerber Bestand, der 1969 vorschlug, das Wort Computer selbst durch Verdater zu ersetzen. Seine drei Gründe waren: (1) Laut und Betonung des Fremdworts sind schwer einpassbar; (2) das Fremdwort ist keine stützende Hilfe für den dt. Wortschatz; (3) das Fremdwort offeriert keine Möglichkeiten für weitere Ausprägungen. Aus heutiger Sicht kann man sagen: Weisgerber hat sich geirrt. Vielmehr verdienen die Eindeutschungen selbst Kritik und sind keineswegs unproblematisch. So ist ein Provider nicht irgendein 'Anbieter', sondern umfasst ein geringeres Bedeutungsfeld; ein Plotter ist nicht irgendein 'Drucker', sondern ein Gerät zur unmittelbaren Darstellung von grafisch fassbaren Informationen. Es sind Zeichenstifte, die elektronisch geführt werden. In Wörterbüchern wird das dt. Wort Zeichenmaschine als Erklärung angegeben, was aber eigentlich zu ungenau ist. Auch hier ist das semantische Feld des dt. Begriffs zu weit. Eine schwierige Frage geben die Begriffe Bildschirm - screen - display auf. In den gängigen Fremdwörterbüchern wird Display mit Bildschirm übersetzt, doch das dürfte nicht ganz den Punkt treffen. Ein Display ist eher zu definieren als LCD-Bildschirm mit einer relativ geringen Auflösung.
Ein Problem, das den Anglizismen oft angelastet wird, ist, dass sie sich morphosyntaktisch nicht oder nur unzulänglich ins Deutsche eingliedern lassen. Sie entsprechen nicht dem "Tiefencode" (ein Ausdruck Dieter E. Zimmers aus seinem Buch zur Fremdwortproblematik, der nichts mit Generativer Transformationsgrammatik zu tun hat). Bsp.: backuppt, gebackuppt, upgebackt? Doch die Kritik wirkt ein wenig überstürzt, da sich auch diese Fremdwörter im Lauf der Jahre morphosyntaktisch ins Dt. eingliedern werden (vgl. Koks und Keks). Bei neueren Anglizismen zeigt sich oft das Bedürfnis, bei der dt. Flexion das fremdsprachliche Verb zu zerlegen, Distanzbildungen zu verwenden: Ich maile e wäre denkbar.
Doch die Fremdwortkritik, die mit morphosyntaktischen Problemen argumentiert, ist nicht stichhaltig. Auch dt. Wörter wie bausparen geben Fragen bzgl. ihrer Flexion als Verb auf. Weiters ist es relativ egal, wie etwa die "richtige" Flexion von grabben (einen Screenshot erstellen mit einem dafür konstruierten Programm; ne. to grab) lautet, da es nicht sicher und möglicherweise eher unwahrscheinlich ist, dass dieses Wort überhaupt Eingang in die Alltagssprache findet. Wenn es allerdings grabben als Verb geben wird, ist die Flexion auch klar (Auslautverhärtung usf.). Die Gefahr, dass sich Verben nicht eingliedern lassen, gibt es nicht.
Schlussfolgerung (nach dem Aufsatz von Schlobinski, der zu diesem Thema gelesen werden sollte): Deutsche Entsprechungen erfassen den Sinn der Anglizismen großteils nur ungenügend und sind nicht besonders brauchbar. Außerdem macht die Ersetzung ohnehin wenig Sinn, da (1) die Termini oft nicht der Alltagssprache angehören und (2) auch als Fremdwörter ins Dt. eingegliedert werden können. Die Argumente gegen die Anglizismen im Computerbereich sind daher weniger sprachwissenschaftlich, sondern ideologisch, kultursozioligisch und kulturpolitisch. Eine weitere Arbeit zum Thema Computerjargon und Eindeutschung ist Wortschöpfung in der Fachsprache der EDV.
E. In welchen Bereichen können wirkliche Probleme auftreten?
In Bereichen, in denen die Anglizismen vom Fachwortschatz übergehen zur Alltagssprache und es daher zu wirklichen Verständigungsschwierigkeiten kommen kann. Im Folgenden wird der neue Telekom-Katalog Frühjahr Sommer 2000 besprochen. Zuerst muss die Frage gestellt werden, für wen dieser Katalog denn ist und ob er überhaupt Teil der Alltagskommunikation ist. Die Antwort resultiert aus einer quasi volksaufklärerischen Situation oder Aufgabe, die mit den neuen Kommunikationsformen erfüllt wird. Daher sollte der Telekom-Katalog jeden ansprechen, und vielleicht den mit den modernen Lebensformen nicht Vertrauten sogar am meisten (freilich soweit er über die finanziellen Möglichkeiten verfügt).
Auf Seite 110 schließt der Katalog mit dem Kapitel "Fachbegriffe und Abkürzungen"; Erklärungen, die dem Leien das Lesen des Katalogs ermöglichen sollen. Daraus nun einige Bsp.: "ADSL (Asymmetric Digital Subscriber Line): Ultraschneller Datenhighway": Die dt. Übersetzung stimmt einfach nicht. ADSL meint, dass der Datentransfer vom Internet schneller vonstatten geht als zum Internet, was bei den meisten Usern vernünftig ist. "GAP (Generic Access Profile): Sie können Mobilteile verschiedener Hersteller mit der Basisstation Ihres Schnurlostelefons betreiben. Das Mobilteil muß vorher bei der Basisstation angemeldet (eingebucht) werden.": Diese Erklärung lässt es allenfalls erahnen, um was es geht. "MFV-Nachwahl (Mehrfachfrequenzwahlverfahren-Nachwahl)": ein Hinweis, dass es beim Fachwortschatz keinesfalls nur um Anglizismen geht. "Paging: Nennt man bei Schnurlostelefonen den internen Ruf von der Basis zum Mobilteil (z. B. wenn man vergessen hat, wo der Mobilteil liegt).": Paging kann aber auch anderes bedeuten. Z. B. erinnert es an den Pager. Drittens (und im eigentlichen Sinn) meint es jedoch 'die Technik des Seitenaustausches bei der virtuellen Speicherverwaltung'.
Das Problem aller dieser Wörter kommt nicht daher, dass es Anglizismen sind, sondern weil sie zu einem bestimmten Fachwortschatz gehören. Wichtig ist nun, wie man Begriffe aus einem Fachwortschatz erklären kann. Die obige Definition von Paging kann es nicht sein. Die Fremdwörtbücher, die nur einzelne Wörter erklären (oder auch nicht), können die Fachsprache nicht in den Griff bekommen. Sinnvoller ist es daher Bücher zu schreiben, die auch den Verwendungszweck der Wörter behandeln. Aus einem diesen Ansprüchen genügenden Computerlexikon eines Fachverlags wird nun die Erklärung von Paging vorgelesen. Man gelangt so wenigstens zu einer vagen Vorstellung, um was es sich handelt. Und Erklärungen - auch aus Spezialbereichen - können immer wieder benötigt werden; z. B. wenn jemand seinen Computer ausbauen will, und im Geschäft nach der Art der Schnittstelle befragt wird (Stichworte USB-Schnittstelle, Bus); also in einer Alltagssituation. Das bloße Verdeutschen genügt aber nicht. Zum wirklichen Erfassen des Sinns ist eine Beschreibung, basierend auf dem alltagssprachlichen Verhalten, von Nöten.
#11, Mi., 07.06.2000, Hörsaal 30 des Instituts für Germanistik
[Fortsetzung von: V. Fremdwörter in Fach- und Sondersprachen]
Zum Thema Anglizismen im Internet: www.et.fh-osnabrück.de/~uklopp/cal-de.htm. Hier findet sich u. a. ein Verzeichnis von - angeblich - beim Chatten gebrauchten Abkürzungen; z. B. bd 'bis dann', adAadS 'aus den Augen aus dem Sinn', iAmiDn 'Im Augenblick mag ich dich noch' oder iha 'Ich hasse Abkürzungen'.Bzgl. der Neologismen wird ergänzt, dass sie in der Alltagssprache eher selten, in Fachsprachen jedoch sehr häufig sein können. Ein Paradebeispiel: TWAIN : 'toolkit without any interesting name' (ein Scanner-Treiber); ein beinahe ironisches Akronym.
F. Anglizismen in Mode und Werbung
Schrodt erinnert an die erste Vorlesungsstunde (#1) und den damals besprochenen Prospekt des Kaufhauses Steffl. Auch an diesem konnte beobachtet werden, dass Anglizismen in der Modesprache sehr beliebt sind. Ein Artikel zu Frühjahrstrends wird vorgelesen. Einige Anglizismen daraus: Hippie, Sportswear, Netz-Shirts, Trainingsanzug (die letzten beiden sind hybride Bildungen), Outfit, Fitness-Jünger, Lycra-Oberteil, T-Shirts (diese sind lässig und work; was work hier bedeuten soll, wissen wohl nur sehr wenige), Accessoires (das erste frz. Fremdwort des Artikels), Hype.
Die Frage einer wissenschaftlichen Behandlung des Themas müsste lauten: "Welche Funktion erfüllen Anglizismen in der Modesprache?" Jedenfalls scheinen sie einen großen Einfluss auf das Konsumverhalten auszuüben, wie ein z. T. vorgelesenes Spiegel-Interview mit dem kalifornischen Trendscout Bairech dokumentiert. Er betont die Bedeutung des Outfits für die Persönlichkeitsbildung und prognostiziert für den Jahrtausendwechsel (das Interview liegt bereits einige Zeit zurück), dass die Easy-wear, aufs Praktische ausgerichtete Kleidung, sich durchsetzen wird. Dieses Wort[!] wird Europa erobern.
Unter www.snafu.de/~iik/leonardo/de/analyse.ht gibt es ein multimediales Sprachlernprogramm für die Werbesprache zu bestaunen. Als Grundsätze für die Verwendung (bzw. deren Ursache) von Fremdwörtern in der Werbung gelten hier: Internationalität, Modernität und die Ansprache von Zielgruppen. Fremdwörter werden also gezielt eingesetzt, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Näheres dazu in:
VI. Anglizismen in Zeitschriftenwerbung und Zeitung
Sechs Motive bestimmen und evozieren die Verwendung von Fremdwörtern: Kolorit (Schaffung einer - bei Anglizismen: amerikanischen - Atmosphäre, eines bestimmten Fachkolorits > Computer oder Sachkolorits > Hippie), Kürze und Präzision (Stress, Toast), Verschleierung (Euphemismen), Lebendigkeit (bildhafte Sprache), Ton (Sprachstil, Kritik, Humor, Ironie etc. > Intertextualität; z. B.: some like it cool als Werbespruch für Leuchtstoffröhren), Variation im Ausdruck (Bsp.: Team und Mannschaft im Sport; sonst: Team andere Bedeutung als Mannschaft).
Der Vortrag folgt nun: Dagmar Schütte: Das schöne Fremde. Anglo-amerikanische Einflüsse auf die Sprache der deutschen Zeitschriftenwerbung. Opladen 1996. Das Besondere an dieser Arbeit ist, dass Schütte nicht rein sprachhistorisch vorgeht, sondern die sprachlichen Entwicklungen in Verbindung mit Werbepsychologie und Alltagskultur sieht. Ihre Methode ist dabei deduktiv; d. h., sie formuliert (aus der bisherigen Fachliteratur gewonnene) Hypothesen (insges. 13), um diese an einem Korpus zu überprüfen. Die wichtigsten Teile der Arbeit sind im Internet abrufbar auf Schrodts Homepage. In der Vorlesung wird im Wesentlichen dieser Teil des Artikels referiert, wenngleich in leicht variierter Anordnung der einzelnen Teile. Ich werde im Folgenden auf genaue Quellenangaben zu den Zitaten verzichten und nur das jeweilige Kapitel angeben.
Grundlegend für die Diskussion zu Anglizismen in der Zeitungswerbung sind die Werte, die eine Gesellschaft bestimmen. Schütte unterscheidet fünf Werte: traditionelle, hedonistische, gesellschaftliche, individuelle und sonstige. Im Lauf der Jahre verschieben sich die Werte einer Gesellschaft (Kap. 7):
" Anhand der in den Anzeigen des untersuchten Samples thematisierten Werte können ein Werteumbruch seit den 60er Jahren sowie eine zunehmende Wertepluralisierung nachgewiesen werden. Hedonistische Werte (insbesondere "Individualität", "Freizeitgenuß", "gehobene Ansprüche", "Modernität", "Erfolg", "Life-style" und "Trendbewußtsein)" sowie die Werte "Umweltschutz" und "Technischer Fortschritt" werden immer wichtiger. [Der hedonistische Wert "Schönheit" hingegen kommt nicht besonders häufig vor.] Demgegenüber ist bei traditionellen Werten (besonders "Familie" und "Sparsamkeit") ein Rückgang der Nennungen zu verzeichnen. Die sprachliche Gestaltung von Anzeigen steht in statistisch signifikantem Zusammenhang mit der Art der thematisierten Werte. Die Hypothese "Der Anglizismen-Anteil ist in Anzeigen, die hedonistische Werte thematisieren, größer als in Anzeigen, in denen andere Werte thematisiert werden" kann bestätigt werden (vgl. Kap. 6.2). Überdurchschnittlich hoch ist der Anglizismen-Anteil auch in Anzeigen mit Nennungen der Werte "Technischer Fortschritt" und "Internationalität." Die niedrigsten Anglizismen-Anteile finden sich in Anzeigen ohne explizite Werte-Thematisierungen. Des weiteren lässt sich ein überdurchschnittlich schwacher Integrationsgrad der Anglizismen in Anzeigen mit Nennungen hedonistischer Werte feststellet. Anglizismen in Anzeigen, in denen diese hedonistischen Werte in englischer Spräche thematisiert werden, sind am schwächsten in die deutsche Sprache integriert. Englischsprachige Werte-Thematisierungen finden sich verstärkt in den 80er und 90er Jahren und kommen vor allem in Anzeigen für Zigaretten, Autos oder technische Produkte sowie in der Imagewerbung vor. Anzeigen mit englischsprachigen Werte-Thematisierungen weisen darüber hinaus einen doppelt so hohen Anglizismen-Anteil auf wie Anzeigen der Grundgesamtheit.
Diese Ergebnisse zeigen, dass Frequenzen und Funktionen von Anglizismen eng mit inhaltlichen Aspekten der Anzeigengestaltung verknüpft sind. In Anzeigen mit Nennungen traditioneller Werte werden Anglizismen vor allem aus Sachzwängen und in erster Linie in Fließtexten eingesetzt. In Anzeigen, die den Wert "Technischer Fortschritt" thematisieren steht der hohe Anglizismen-Anteil nicht in direktem Zusammenhang mit der Werte-Thematisierung. Vielmehr handelt es sich bei diesen Anzeigen häufig um Anzeigen für technische Produkte, deren starke Abhängigkeit von englischen Fachwörtern nachgewiesen werden konnte. In Anzeigen, die den Wert "Internationalität" nennen, soll diese Intemationalität auch durch die Wortwahl dokumentiert werden. Darüber hinaus sind diese Anzeigen vielfach für internationale Absatzmärkte konzipiert. Die Verwendung der englischen Sprache als wichtiger internationaler Verkehrssprache liegt daher nahe. In Anzeigen mit Thematisierungen hedonistischer Werte wird die Orientierung an Aspekten der amerikanischen Alltagskultur auch sprachlich umgesetzt. Die durch direkten Kulturkontakt, vor allem aber medial vermittelten Konzepte vieler Deutscher vom "American Way of Lire" sind eng mit Werten wie Freizeitgenuss, Individualität und Fortschritt verknüpft. Lebensstilanalysen weisen nach, dass Konsumenten, die sich an diesen Werten orientieren, eine - aufgrund ihrer zahlenmäßigen Stärke und ihrer Kaufkraft - relevante Zielgruppe darstellen. Sowohl durch die explizite Nennung hedonistischer Werte als auch durch die verstärkte Verwendung von Anglizismen erhalten Anzeigen für dieses Marktsegment Aktualität. Insbesondere Anglizismen in Slogans fördern die Assoziation mit den genannten Werten und dem Produkt, das als Möglichkeit der Bedürfnisbefriedigung, d.h. Wertkonkretisierung wahrgenommen wird. Sowohl die Art der thematisierten Werte als auch die sprachliche Gestaltung der Anzeigen können daher als das Resultat zielgruppenorientierter Werbestrategien betrachtet werden. Diese Strategien unterscheiden sich in Anzeigen verschiedener Produktbereiche erheblich voneinander:
[Es folgen verschiedene Anzeigentypen, die deduktiv ermittelt wurden. Das Um und Auf des deduktiven Herleitens ist das Vorgehen nach nur einem Kriterium. Als sechster Anzeigentyp wäre ein diffuser Typ zu ergänzen, der schwer Zuordenbares wie Werbung für Medien oder Möbel enthielte.] Der Zusammenhang zwischen der Art des beworbenen Produktes und der Art der thematisierten Werte ist statistisch signifikant. Besonders in Anzeigen für Kosmetik, Mode, Alkohol, Zigaretten und Reisen sowie in der Imagewerbung dominieren Nennungen hedonistischer Werte sowie des Wertes "Internationalität." In Anzeigen für technische Produkte wird der Wert "Technischer Fortschritt" am häufigsten genannt. Auch hinsichtlich des Anglizismen-Vorkommens und der Integration der verwendeten Anglizismen sind Anzeigen verschiedener Produktbereiche signifikant verschieden. Dies zeigt, daß die Variablen "Werte-Thematisierung", "Produktgruppe" und "sprachliche Gestaltung der Anzeige" in hohem Maße interdependent sind. Die Hypothese "In Anzeigen für Produkte aus den Bereichen Mode, Technik, Reisen, Kosmetik, Zigaretten und alkoholische Getränke ist der Anglizismen-Anteil größer als in Anzeigen für Dienstleistungen, pharmazeutische Produkte und Güter des täglichen Bedarfs" wird bestätigt (vgl. Kap. 6.3). Aufgrund der Unterschiede in bezug auf die Frequenzen und den Integrationsgrad der Anglizismen können Anzeigen verschiedener Produktbereiche einzelnen Typen zugeordnet werden. Zum Typ "deutsche Anzeige" gehören Anzeigen für pharmazeutische Produkte, Parteien und Organisationen sowie Güter des täglichen Bedarfs. Anglizismen werden hier selten verwendet und sind stark in die deutsche Sprache integriert. Der "stilvolle Typ" umfaßt Anzeigen für Kosmetik und Mode. Anglizismen haben einen hohen Anteil am Text von Slogans und Schlagzeilen. "Wissenschaftliche Anzeigen" werben für technische Produkte, Autos oder Dienstleistungen. Trotz hoher Summen von Anglizismen, vor allem in Fließtexten, ist hier aufgrund insgesamt umfangreicher Anzeigentexte der Anglizismen-Anteil gering. Bei den Anglizismen handelt es sich vorwiegend um Fachwörter und somit um stark integrierte Anglizismen. Der "Wenn, dann..."-Typ umfaßt Anzeigen für Alkohol und Parfüm sowie Imageanzeigen. Anglizismen kommen in weniger als der Hälfte der Anzeigen dieser Produktgruppen vor. Wenn sie jedoch verwendet werden, ist ihr Anteil am Gesamttext der Anzeige überdurchschnittlich hoch. Es handelt sich zumeist um Anglizismen, die der Unterstützung des produktspezifischen Eriebnis-profils dienen. Anzeigen für Zigaretten und Reisen werden dem "Englisch pur"-Typ zugerechnet. In überdurchschnittlich vielen Anzeigen kommen Anglizismen vor. Diese haben zudem einen hohen Anteil am Gesamttext."
Weiters muss der Sinn und Zweck von Werbebotschaften im Auge behalten werden, wenn man sich der Fremdwortfrage widmet. S. 56-65:
"Zahlreiche Forscher führen die Wahl bestimmter Wörter und rhetorischer Figuren auf verschiedene Grundfunktionen von Werbetexten zurück, von denen die folgenden besonders her-
vorzuheben sind:
- Vermittlung von Images ("The taste of a new generation");
- Selbstanpreisung, vor allem durch semantische Aufwertung ("One of the most distinguished tobacco houses in the world");
- Anspielung auf den Prestigegewinn für den potentiellen Konsumenten durch die Wahl von Wörtern aus gehobenen Sprachschichten oder durch Fremdwörter("Die Business-Airline");
- Unterhaltungs- und Erlebnisfunktion ("Come to Marlboro Country");
- Andeutung von Wissenschaftlichkeit' ("XY mit dem TAED-System"; "Der neue XY mit Hyper-Smoothing-System").
Welche dieser Funktionen im Hinblick auf die sprachliche Gestaltung von Anzeigentexten im Vordergrund stehen, hängt von der Art des beworbenen Produktes, dem ausgewählten Werbeträger und der anvisierten Zielgruppe ab. Generell gilt für die Werbesprache, dass sie sich, einem ständigen Kreativitätsdruck folgend, ihre eigenen Codes entsprechend den oben beschriebenen Strategien schafft. Dabei ist der pragmatische Charakter dieser Textsorte bestimmend für Wortwahl und Satzbau. Dennoch ist die Sprache der Werbung keine Sondersprache, wie etwa Römer annimmt. Zwar hat sie aufgrund ihrer spezifischen Funktionen und ihres anpreisenden Charakters zumeist keine "Sprechwirklichkeit" im Alltag der Rezipienten. Sie beinhaltet jedoch Elemente aus Umgangs-, Hoch- und Fachsprache.' Nicht alle Merlanale, die eine Sondersprache kennzeichnen (begrenzter Sprecherkreis, besonderer Wortschatz, esoterische Kommunikation und besonderes Ausdrucksbedürfnis), treffen auf die Sprache der Werbung im allgemeinen zu, sondern gelten allenfalls für einzelne Werbetexte. Die Sprache der Werbung unterscheidet sich von der Umgangssprache vor allem durch besonders hohe Frequenzen bestimmter syntaktischer Konstruktionen (etwa Ellipsen oder Imperative) sowie lexikalische Eigenarten, die jedoch oft aus der Gemeinsprache oder aus Fachsprachen entlehnt und erforderlichenfalls verfremdet werden ("porentief rein"; "aprilfrisch"). Nicht selten finden die Ergebnisse solcher kreativer Prozesse Eingang in die Alltagssprache, wie sich unter anderem an der Integration von Fremdwörtern in die deutsche Alltagssprache zeigen läßt."
Schrodt bespricht anschließend die Kapitel 2.3.3, 3.5, 3.5.1, 3.5.2 und 7, die ich - weil sie ohnehin nachgelesen werden können - hier nicht anführe. Er endet (aus Zeitgründen) mitten in Abs. 6. des 7. Kap. Teilweise fügt er Bemerkungen hinzu: Vieles (v. a. die Zitate Glasers in Schüttes Arbeit) ist wertend, weil die Wertgeschichte zwangsweise nicht neutral betrachtet werden kann. Zu den "Werteablehnern" (Kap. 3.5): Auch heute hegen manche Menschen eine gewisse Technik-Feindlichkeit. Eine Erklärungsmöglichkeit wäre die Orientierungslosigkeit angesichts des Wertepluralismus. Zu Kap. 3.5.2, Abs. 1: Der Käufer definiert sich selbst durch sein Kauf- und Konsumverhalten. So kommt es, dass manche Produkte Freiheit o. a. vermitteln. Vgl. die Autowerbungen, wo Autos in einsamer Wildnis präsentiert werden.
Letzten Endes formuliert Schrodt seine Ansicht zur Funktion von Fremdwörtern (in der Werbung, aber z. T. auch sonst): Die Sprache dient nicht nur dem Kommunizieren, sondern es gibt auch ein sprachliches Nicht-Kommunizieren, das der Abgrenzung und Individualisierung dient. Anglizismen können Mittel dazu sein.
#12, Mi., 14.06.2000, Hörsaal 30 des Instituts für Germanistik
[Fortsetztung von: VI. Anglizismen in Zeitschriftenwerbung und Zeitung]
Der Auszug aus Schüttes Arbeit wird weiter referiert. Zentrale Stellen werden vorgelesen. Im Wesentlichen betrifft der Vortrag die Zusammenfassung Schüttes. Einige Zusatzbemerkungen Schrodts:
· Ein Slogan ist eine feste, fixierte Schlagzeile. [z. B.: Just do it. Nike.]
Abschließend zeigt Schrodt ein A3-großes Zeitungsinserat, das für einen bestimmten PC wirbt. Neben üblichen Fremdwörtern der Computerterminologie und bestimmten Werbeslogans und -schlagzeilen (Internet for free, Power-PC) findet sich das Wort Content (groß geschrieben). Es meint hier den Inhalt einer Homepage, den persönliche Content. Content ist (noch) nicht in die gängigen FW-Bücher aufgenommen, und wenn, dann nicht in dieser Bedeutung. Hier entsteht quasi ein Fremdwort unter unseren Augen. Die Frage ist u. a., wie Content sinnvoll in einem Lexikoneintrag umschrieben werden könnte.
VII. Fremdwörter in der Literatur
A. "Designermineralwasser"
Hierzu gibt es kaum Arbeiten, weswegen das Kapitel relativ kurz gehalten wird. Zuerst ein Auszug aus einer Arbeit zu Neologismen von Magdalene Matussek; ein Beispiel, in welcher Funktion Fremdwörter als Neologismen verwendet werden. Das Beispiel wurde einem Magazin der Süddeutschen Zeitung im Jahr 1990 entnommen: "Das Design des Seins" lautet die Überschrift; die (für die VO) wichtige Phrase: "Designermineralwasser schlürfen". Das Grundlexem (Mineralwasser) wird determiniert durch ein Prälexem (Design), das streng genommen nicht passt. Mineralwasser kann nicht gestylt werden, es gibt daher kein Designermineralwasser. Ziel der auffallenden Wortneubildung ist es, einen bestimmten Lebensstil einer gesellschaftlichen Gruppe auszudrücken. Der Neologismus wird gleichsam durch den Kontext bestimmt und wäre alleine nicht sinnvoll. Der Text nun lästert in ironischer und satirischer Weise gegen den Lifestyle. In solchen Situationen eignen sich Neologismen besonders gut. Ebenfalls diese Art der Verwendung von Wortneubildungen behandelt Hermann Hunger??? in einer Arbeit zur Wortneubildung bei Nestroy. Auch hier dienen Neologismen einem stilistischen, witzigen, satirischen Effekt.
B. Fremdwörter im Werk Schillers
Aus dem Jahr 1935 stammt eine Dissertation von Fr. Przyklink, die den Fremdwortgebrauch in den Werken Schillers untersuchte. Insgesamt zählte sie ca. 2600 Fremdwörter (die einzelnen Varianten eines Fremdworts nicht mitgezählt). Besonders viele Fremdwörter fand sie im Jugendwerk Schillers.
Allgemeines zu Schiller: Seine Sprache war pathetisch, hochstilisiert, eine Literatursprache. Er stammte aus einer kleinbürgerlichen Familie, war geprägt von einer strengen Erziehung und später von Krankheit und ständiger Geldnot. Seine Sprache war für ihn also z. T. Mittel des sozialen Aufstiegs. Anders als Goethe musste er um sprachlichen Ausdruck ringen. Sein affektischer Stil kann (wertend) entweder als revolutionäre Aktivität, aber auch als idealistischer Eskapismus umschrieben werden. Mit der gefühlsmäßigen Wertsteigerung des Ausdrucks sollte eine Selbsterhöhung einher gehen. Schrodt zitiert einen Germanisten der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts, der Name wird nicht genannt, der Schillers Sprache als undeutsche und hohlklingende Parabelsprache herabwürdigt. Von seinen früheren Werken distanzierte sich Schiller später teilweise selbst.
Hinsichtlich der Fremdwortverwendung ergibt sich ein großer Unterschied zwischen den Briefen, in denen er v. a. Fremdwörter aus dem frz. Bereich verwendete, und den literarischen Werken, wo Schiller lat., frz., griech. u. a. Fremdwörter bewusst und gezielt einsetzte. Bsp: Die Vorrede zu den Räubern ist in einer humoristischen Passage mit vielen frz. Fremdwörtern durchsetzt, um gewisse damalige Gesellschaftsschichten zu karikieren. Besonder gelungen ist Schiller die Verwendung der Fremdwörter in Kabale und Liebe: Miller verwendet (entsprechend seiner volkstümlichen Natur) Ausdrücke und daher auch Fremdwörter aus der Alltagssprache; die Millerin, seine Frau, benutzt "verhunzte" Fremdwörter, die auf ihr beschränktes Wesen schließen lassen; deren Tochter, das einfache und schlichte Bürgermädchen Luise, verwendet keine Fremdwörter. In einem Gespräch reagiert sich auf viele Fremdwörter der Gesprächspartnerin mit: "Das ist mir zu hoch, gnädige Frau." Während Miller von Sekretarius spricht, versucht seine Frau Sekertare, Luise hingegen Sekretär.
VIII. Fremdwörter als Neologismen
Motto: Lassen sich sprachliche Erscheinungen voraussehen?
A. "Event"
1. Vorkommen des Wortes, verschiedene Kontexte und Bedeutungen
Die Grundfrage ist: Was ist eigentlich ein Event? Schrodt referiert aus Material (meist Zeitungsartikel) vom Institut für dt. Sprache.
· Ein Artikel der Berliner Zeitung von 1997. Der Inhalt ist ein Event der Gruppe Aerosmith. Bereits nach wenigen Sätzen erscheint das erste Mal das Wort Event, das mit der Apposition "einem Ereignis" glossiert wird. Die Glossierung weist auf die Neuheit des Wortes hin. Später im Artikel: "Tyler, der Sänger, war ein Event." Das beschriebene Ereignis war eine groß aufgezogene Videovorführung mit einem anschließenden Auftritt (nicht musikalisch) der Gruppe (Autogramme etc.). Schrodt betont, dass bei einem Event Tickets, nicht Eintrittskarten verkauft werden.
· Ein anderer Artikel verwendet Event im Zusammenhang der Beschreibung einer Disco.
· Doch Events gibt es nicht nur bei Popkonzerten u. Ä, obwohl Schrodt überzeugt ist, dass der Neologismus in diesem Bereich entstanden ist. Eine Weiterentwicklung des ursprünglichen Gebrauchs ist daher bereits: "Dadurch ist der Einkauf vor den Toren der Großstädte zum Event geworden."
· Ein Text zu Einkaufsfahrten ("Butterfahrerbusse") von 1997 verbindet Event erneut mit Einkauf: "Die Eltern shoppen, die Kinder gehen zum Piratenschiff." NB: Einkauf wird mit Vergnügen verbunden, das Shoppen ist ein lustbetontes Einkaufen. Später im Text: "Philosophie vom Event-Shopping", "Hier ist alles Event."
· In einem Artikel zum 'Wort des Jahres 1998' (von einer Jury gekürt, die in Verbindung mit der Gesellschaft für dt. Sprache steht): "Viagra ist das Wort-Event des Jahres."
· Weiterer Artikel: Deutschland ist im Event-Fieber; dann auch: Event-Kultur, Event-Manager.
· Ein Text aus einem Tagesspiegel von 1998 verbindet Event mit klassischer Musik, und zwar mit Veranstaltungen wie die der drei Tenöre.
Generell wird Event besonders häufig im Berliner Raum gebraucht.
· Ein für Bayreuth werbender Text betont, dass die dortigen Festspiele mehr seien als nur Events; sie seien sinnerfüllt usf. Sind Events nicht sinnerfüllt?
· Verwendung von Event auch im Bereich des Fußball-Sports.
· Einweihung eines Innovationszentrum für Informatik = ein Event.
· Eine Reiseveranstaltung als Event.
· Ein Betriebausflug nach Kassel als Event.
· "Berlin braucht Events wie die Reichstagsverhüllung." Das Verhüllen eines Gebäudes ist also ein Event, das Malen eines Bildes wohl weniger.
· Aus dem Bereich des Kunstmanagements: Die Aufführung der 8. Symphonie von Gustav Mahler wird begründet: Sie ist ein großes Werk, da viele Musiker an ihr teilnehmen. Deswegen ist sie ein Event. Event steht scheinbar in Verbindung mit der Vielzahl (auch beim Sport).
In den meisten Fremdwörterbüchern fehlt Event noch. Nur im Wörterbuch der Szenesprache vom Dudenverlag ist es aufgenommen. Das Wörterbuch liefert allerdings keine wirklich semantische Beschreibung und keine geglückte Paraphrase [eigentlich gar keine versuchte Paraphrase]. Der einzige Vorteil dieses ziemlich miesen Buches ist, dass es laufend im Internet unter www.szenesprache.de aktualisiert wird. [Hier irrt Schrodt: Event ist - wie auch Body (siehe #13) - im Fremdwörterbuch von Wahrig 1999 [Neuausgabe] und Duden (6)1997 enthalten.]
2. Warum Event?
Den Grund für den Fremdwortgebrauch, hier für den des Wortes Event, versucht Schrodt (wieder; siehe andere VOen) mittels soziolinguistischer Umschichtungsprozesse zu erklären. Er ist sich dabei bewusst, dass seine Hypothesen nur auf schwachen Boden stehen - schließlich ist er kein Trendforscher oder Soziologe -, doch auf das Grundprinzip, Verbindungen zwischen gesellschaftlichen und sprachlichen Entwicklungen herzustellen, legt er großen Wert. Es sollte nun also versucht werden, soziale Prozesse über den Wortgebrauch zu verfolgen.
In der Schweizer Zs. Die Weltwoche wird in der Rubrik Kunst und Kultur ein klassisches Konzert und die Festspielthematik im Allgemeinen besprochen. Schließlich dreht sich der Artikel um die Shakespeare-Collage Schlachten, aufgeführt bei den Salzburger Festspielen 1999. Schrodt verallgemeinert die Beschreibung der einen gesamten Tag dauernden Aufführung als Heraustreten des Zusehers aus seiner normalen Rolle, v. a. hervorgerufen durch die physische Anstrengung, die eine andere (gesteigerte?) Aufmerksamkeit bedingt; ein "gesteuertes Involviertsein". In eine ähnliche Richtung weist eine andere Entwicklung im Bühnenwesen der letzten zehn Jahre: Vor ca. zehn Jahren wurde es üblich, den Saal zu verdunkeln. Später wurde das Verdunkeln durch ein Beleuchten der Musiker mit starken Scheinwerfern ersetzt. Auch dadurch wird die Aufmerksamkeit der Zuschauer gesteuert. Hand in Hand mit diesen Phänomenen geht die Tendenz, dass Musikfestivals (Schrodt erzählt aus einem Editorial einer Klassikzeitschrift von 1999) heute nicht mehr Regionen oder Städte vertreten und repräsentieren, sondern immer stärker von wirtschaftlichen Überlegungen gesteuert werden. Ein Zweck der wirtschaftlichen Ziele und Interessen ist das Kreieren von Events, von herausgehobenen Ereignissen.
Zusammenfassend lässt sich folgendes Erklärungsmuster für das Aufkommen von Events bestimmen: (1) Die Festivals werden zusehends stärker ökonomisch ausgerichtet. (2) Die Bindung an lokale Gegebenheiten ist weniger bedeutend, Events sind eher überregionale Ereignisse, die kaum mit einem bestimmten Ort oder Land in direktem Zusammenhang stehen. (3) Die Änderung des Lebensstils. Z. B. gibt es heute Formen des Extremsports, die früher undenkbar gewesen wären (Bungeejumping, Rafting). Ziel ist dabei (und eben auch beim Teilnehmen an Events) das Ausloten der eingenen Grenzen. Dieser Trend lässt sich ca. ab 1990 verfolgen, weswegen manche von einer zweiten Trendwende sprechen. Die Maxime der VO: Sprachgeschichte als Kulturgeschichte.
#13, Mi., 21.06.2000, Hörsaal 30 des Instituts für Germanistik
[Nachtrag zu V. Fremdwörter in Fach- und Sondersprachen, D. Computerjargon und Eindeutschungsversuche dazu]
Das Ergebnis, dass in diesem Bereich eigentlich kein tatsächlich greifbares Problem bestünde, muss relativiert werden. Schrodt beschreibt eine Aussendung der Telekom Austria. Beigelegt ist ein Bestellformular für diverse Angebote der Telekom. Dabei wird z. B. im Falle des Bestellens einer Ethernet-Karte (schon diese wird vielen ein Rätsel sein und bleiben) eine genaue Spezifikation des eigenen Computers, v. a. der Art der Steckkartenplätze am Motherboard, verlangt. Die meisten Computerbenützer werden vermutlich kaum auf Anhieb Bescheid geben können, ob ihr PC-System USB (universal serial bus), PCI (peripheral component interconnect) oder ISA (industry standard architecture) verwendet. Es entsteht also ein ernsthaftes Kommunikationsproblem. Zu ergänzen ist, dass dieses Problem weniger in den Bereich der Fremdwortproblematik, sondern eher in den des Fachwortschatzes fällt.
[Fortsetzung von VIII. Fremdwörter als Neologismen]
Als beispielhaftes Neologismen-Wörterbuch nennt und zeigt Schrodt das von Jonathan Greene (für die englische Sprache).
B. "Body"
(Dieses Wort fehlt in allen gängigen Trendwörterbüchern. [Nicht aber in den Fremdwörterbüchern. Siehe #12.])
Die Fragestellung für dieses abschließende Kapitel lautet: Wie können sprachliche und kulturgeschichtliche Phänomene im gegenseitigen Zusammenhang erforscht werden bzw. lassen sich solche Phänomene voraussagen?
Zu Beginn ein Artikel zur Street-Parade in Berlin. Der Artikel versteht den Techno als letzten Triumph des industrialisierten Lebens und der Wirtschaftlichkeit, der Body als Warenzeichen. Mit deutlich kulturkritischem Touch umschreibt der Autor die Street-Parade (und was dazu gehört) als äußerliche Symbolik, die der Darstellung eines Selbst dient, das es eigentlich nicht gibt. In derselben Zeitschrift und zum selben Thema spricht eine Ethnologin (weniger wertend) von der hohen Perfektion, die bei solchen Veranstaltungen das Präsentieren von ästhetischen Körperpartien erreicht habe. Körper sei Mittel des Selbstausdrucks und der Indentitätsfindung; daher Phänomene wie Fitness- und Wellnessbewegungen.
Das Fremdwort steht in Zusammenhang mit kulturellen und gesellschaftlichen Phänomenen, es sollte daher nicht nur morphosyntaktisch beschrieben werden, sondern man sollte sich die Frage stellen, wie es überhaupt zu einem Fremdwort kommt. Schrodt referiert zum Body aus: Anna Cranny-Frances: The Body in the Text. 1995:
Das Aufwerten des Körpers ist ein gesellschaftliches Phänomen. Es ist eine Reaktion auf eine lange Tradition, auf das Denkmuster der Dualität von Leib - Seele bzw. Körper - Geist. Wie auch andere Dualitäten (Geschlecht, Klasse und Rasse: Anglo - Nicht-Anglo) ist diese in die westliche Kultur eingeschrieben. Heute brechen diese Dualitäten teilweise auf. Bei Magersucht oder Bulimie wird der Körper als etwas Fremdes empfunden. Er wird abgelehnt, als Begrenzung, Gefängnis, Feind erlebt (so auch schon ansatzweise bei Platon, Augustinus, Descartes u. a., doch wohl unter anderen Gesichtspunkten) und somit instrumentalisiert. Die Dualität Körper - Geist wird kritisiert.
Diese Tendenz lässt sich das erste Mal in der feministischen Kritik der 1970er Jahre verfolgen. Man kritisierte den Anglo, das Männliche, den Durchschnittsbürger (mittleres Aussehen und Alter). Schrodt erinnert, für wen Büromöbel, Autositze etc. konstruiert und fabriziert werden. Parallel zu dieser Strömung wird der Westen stark vom Afro-Look beeinflusst (Dread Locks u. a.), ein z. T. die Äußerlichkeit sehr betonender Trend. Der feministischen Kritik der freudschen Psychoanalyse (gegen Phallozentrismus) folgte die Wiedergewinnung des Körpers in den postmodernen Künsten (Bsp.: Body-Painting, V. Export). Auch in der Alltagskultur - die die größte Aufmerksamkeit verdient (siehe vergangene VOen) - ist eine neue Betonung des Körperlichen festzustellen; z. B. in einem Musikvideo Madonnas, bei dem sie in die Marilyn-Monroe-Rolle schlüpft. In den letzten Jahren wird auch der männliche Körper in ähnlicher Weise als Kunstobjekt behandelt.
Es fand (und findet) also eine Rekonzeptualisierung des Körpers statt, bei der v. a. die Grenzen des Körpers ausgelotet wurden. Die Haut ist zunächst in der westlichen Welt tabu (Kleidung). Sie kann jedoch (im weitesten Sinn) markiert werden und so soziale Zugehörigkeit ausdrücken. Die Haut und daher der Körper bezeichnen die Grenze des Sozialen. Vgl. The Piano (1991). Das menschliche Verhalten ist nicht nur biologisch, sondern auch soziologisch erklärbar. Am Gang eines Menschen kann oft erkannt werden, woher (sozial, nicht geographisch) dieser Mensch kommt. Der Körper unterliegt einer sozialen Gestaltung und wird so zum Ausdruck der sozialen Position. Vgl. Educating Rita (1985): Körpersymbolik, Kleidung etc. Neben den biologischen und den sozialen Körper tritt der technologisierte Körper, der Cyborg, der im Prinzip Frankensteins Monster zum Vorläufer hat. Körperwelten werden durch Virtualität geschaffen, wodurch gegen das Naturgegebene protestiert wird. Dieser Aspekt impliziert eine metaphysische und eine politische Qualität der Problematik.
Diese kurze Darlegung wäre ein Versuch einer Antowort auf die Frage nach dem Warum des Body. Doch die Antwort passierte durch Rückblick. Trotzdem könnte es vielleicht möglich sein, solche Entwicklungen zumindest im Groben vorauszusehen. Schrodt erzählt dazu aus einem Essay, einem Erlebnisbericht, geschrieben 1980 und erschienen in der Zs. Kursbuch. Der Autor reflektiert, ausgehend von der damaligen Situation in den Berliner Parks, über die ersten Anfänge der Körperkultur, die er in den 1970ern beobachtet zu haben glaubt (Surfen, Drachenfliegen, Skaten, Rollerskaten etc.). Der Autor vermutet Querverbindungen zwischen dem lustbetonten Körperkult und den neuen Sportarten; denn diese wären ein narzistisches Spiel mit dem eigenen Körper. Man überwindet nicht mehr - wie beim Joggen - den inneren Schweinehund, sondern passt sich mit seinem Körper der Materie an und gelangt so zu einem lustvollen Erlebnis. Dieses Essay kann fast als Prophezeiung der heutigen Phänomene (wie Love-Parade) gelesen werden. Schrodt verweist zudem auf den Werte- und Kulturwandel [hedonistische Werte gewinnen seit 1950 immer mehr an Bedeutung; siehe #11], der mit dem Besprochenen in engem Zusammenhang steht. Als prägnantes Resümee der Entwicklung von ca. 1970 bis 2000 ließe sich (bzgl. des Körperkults) postulieren, dass Zärtlichkeit und Grausamkeit (> Extremsportarten) vereint wurden.
Mit dem Prognostizieren von Trends beschäftigt sich das Trend-Büro. Dort werden hauptsächlich Zeitschriften exzerpiert und untersucht. Als Ergebnisse stellte man für die letzten Jahre fest, dass das Leben operationalisiert wurde; der Körperkult (Wellness, Fitness) und die Versinnlichung (v. a. Kosmetikbranche) zunahmen; generell einen stärker werdenden Wunsch, verwöhnt zu werden, als sich selbst anzustrengen (also weniger die Fitness im konventionellen Sinn). Durch eine Analyse der Wörter gelangte man so zu Rückschlüssen auf ein posthumanes Körperverständnis. Möglicherweise wird der Körper als nostalgische Entdeckungsreise zum Ursprung des Menschen aufgefasst (Versinnlichung)? Festzustellen ist jedenfalls, dass sich bei einer Gegenüberstellung von Kontrolle und Lust sowie Harmonie und Konflikt (durch eine multidimensionale Skalierungstechnik: Kontrolle - Lust als waagrechte, Harmonie - Konflikt als senkrechte Extrema einer Ellipse) die meisten Begriffe um die Lust anordnen (im entsprechenden Bereich der Ellipse). Die Frage, wie und ob der Körper zum Ursprung des Menschen führen kann, versucht Roland Barthes in dem Aufsatz Rasch semiotisch zu fassen. Rasch meint das musikalische Tempo, der Aufsatz nähert sich der Thematik über das Singen. Dabei ist der Körper das letzte Residuum und daher der letzte Grund der Ordnung. Auch dies wäre eine mögliche Erklärung für den zeitgenössischen Körperkult.
Schrodts Schlussfolgerung [oder sollte man sagen: Hoffnung?] der Body-Thematik ist, dass Voraussagen bis zu einem gewissen Grad möglich sein könnten.
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